Acht Leute kommen durch Inputs zu Ritualen im Familienalltag miteinander ins Gespräch. Was zaghaft beginnt, wird immer dichter, mitunter sehr heiter, und es wird deutlich, wie wertvoll der Austausch unter Eltern für alle Beteiligten ist. Ein Beobachtungsbericht mit open End.

«Hallo Michaela.»
«Hoi Karin.»
«Jo ciao, hoi Bernadette!»
«Sali.»
«Hallo, freut mich, Elisabeth.»

Der Einstieg fiel leicht, war man doch mit dem Ritual der Begrüssung bereits mitten im Thema. «Mit Ritualen den Familienalltag gestalten», so hiess der zweite Abend für Eltern, der im Rahmen des Pilotprojekts «Getauft – und jetzt?» in der Pfarrei Römerswil angeboten wurde. «Sich in irgendeiner Form zu begrüssen, das kennen alle, es als Ritual wahrnehmen, das tun die wenigsten», meint Thomas Villiger-Brun, Mitarbeiter Fachbereich Pastoral in der Römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern, der zusammen mit der Religionspädagogin Rita Amrein-Stocker durch den Abend leitet. Von dieser Achtsamkeit handelt der Abend.

Wider das Chaos

Vielleicht ist es das Schicksal vieler Rituale: Sie verkommen zu Gewohnheiten, werden automatisiert, gehen unter. Aber sie verschwinden nicht einfach so. Darum ist es wohltuend, sie wieder einmal aufzuzählen: Kindern Gschichtli erzählen, zusammen essen, singen/beten vor dem Essen, Abschiedskuss, einen guten Morgen wünschen, Geburtstag/Namenstag feiern, Abendgebet, Gott Danke sagen, jemanden an die Tür begleiten, den Tag Revue passieren lassen, sich entschuldigen, eine Kerze anzünden für…, Weihwasser geben/nehmen, Begrüssung, Verabschiedung, zusammen anstossen.

Die Liste wird im Verlauf des Abends immer länger. Ausgelöst hat dieses Zusammentragen von Ritualen auch, dass den Teilnehmerinnen wieder bewusst wurde, was sie bereits alles machen. Wow. Stimmt ja.

In der Auseinandersetzung mit den gesammelten Ritualen kamen die Mütter und ein Vater schnell ins Gespräch auch darüber, wo diese gelingen, und wo nicht. «Beim ersten Kind war das anfangs irgendwie eine Katastrophe. Beim zweiten lief es dann einfach», erinnert sich eine Teilnehmerin. «Ja, man sollte gleich beim dritten Kind anfangen», kontert eine andere, und die Stimmung wird immer lockerer, vertrauter auch. Als Familie muss erst ein Weg gefunden werden, Rituale in den Alltag zu integrieren und vor allem: die passenden zu finden. «Die ganze Theorie ist ja nett, aber bei mir in der Praxis sieht das ein bisschen anders aus. Manchmal geht es einfach nicht.» Fast schon ein bisschen erleichtert ist eine Mutter nach dieser Meldung. Und alle stellen fest: Chaos im Alltag gibt es halt auch.

Eine Mutter von bereits erwachsenen Kindern kann dann wieder beschwichtigen, dass die Familie ja mit der Zeit wachse, auch zusammenwachse, sie wird gefestigter, und dabei können Rituale unterstützend wirken. «Rituale bilden dank ihrer entschleunigenden Wirkung einen Kontrast im oft so hektischen Alltag», sagt Rita Amrein-Stocker. «Wir müssen selbst eine Sprache finden für das, was passiert, für das Unerklärbare, für das Göttliche.» Kinder können uns dabei helfen, diese Sprache zu entwickeln, Zeichen zu finden. Denn Kinder fragen einfach, sind direkt.

Familienrat

Freitagabend. Bei Familie Amrein-Stocker war das die Zeit für den gemeinsamen Wochenrückblick. Über die Woche hinweg konnten Themen und Anliegen auf Zettel geschrieben und in den Familienrat-Briefkasten geworfen werden. Diese Themen wurden dann gemeinsam angegangen, diskutiert, es wurde über Entscheidungen verhandelt, ein «Das stört mich, weil…» hatte genau so Platz wie «Nachfreuen».

Auch bei Villiger-Bruns gabs den Rat. Auf einer Wandtafel wurden die Themen zusammengetragen. «Dürfen wir über alles hier im Familienrat beschliessen?», fragten die Kinder eines Tages. Und ja, weil das die Idee dieser Treffen ist, wurden die Eltern mit 3:2 überstimmt und der Fernseher kam ins Haus. Mit Regeln zu dessen Nutzung natürlich.

Mit dem Familienrat geben Rita Amrein-Stocker und Thomas Villiger-Brun einen nächsten Input in den Abend. Aus eigener Erfahrung sprechend, konnten sie die hierfür wichtigen Punkte für die Umsetzung herausfiltern: «Die Regelmässigkeit solcher Treffen ist wichtig», betont Villiger-Brun. Weiter gelte es, den richtigen Zeitpunkt zu finden, an dem sich die Familie (z.B. wöchentlich) trifft. So wird der Familienrat zum verbindlichen Termin. Und bitte, ein bisschen Atmosphäre schaffen. Da ist es leichter, ins Gespräch zu kommen.

Mitsprache und Schutz sind zwei weitere Stichworte, die für einen funktionierenden Familienrat mitbedacht werden müssen. Er soll dem Alter der Kinder angepasst sein, soll nicht überfordern, sondern das Verständnis füreinander fördern. Das ist wie mit dem Joghurtregal im Supermarkt: Anstatt das dreijährige Kind direkt vor dem Regal zu fragen, welche Sorte es denn gerne hätte, suchen sich die Eltern besser drei bis fünf Sorten aus und lassen das Kind zuhause am Kühlschrank wählen.

Fleur Budry

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Rituale


Aus dem Lateinischen ritu (nach Art, wie) stammend, definiert das Ritual eine Grundordnung (festgelegtes Zeremoniell). Es kann von weltlicher oder religiöser Art sein. Ein Ritual braucht einen wiederkehrenden Ablauf und hat symbolische Bedeutung, ist also mehr als eine Gewohnheit. Religiöse Rituale weisen über sich hinaus (z.B. Kerze anzünden, um an jemanden zu denken) und helfen, Übergänge zu gestalten. Sie geben Sicherheit im Alltag und stiften sowohl Identität als auch Gemeinschaft. Rituale verbinden uns – auch mit Gott.


Buchtipp

Monika Arnold: «Religiöse Rituale geben Vertrauen und Geborgenheit – Für den Alltag mit Kindern von 0 bis 3», Don Bosco Verlag 2017, ISBN 978-3-7698-2321-9

«Rituale sind gleichbleibende und sich wiederholende Abläufe und Handlungen, die Kindern Verlässlichkeit, Orientierung und Sicherheit vermitteln. Überdies fördern religiöse Rituale die Persönlichkeitsentwicklung und unterstützen die Entwicklung einer spirituellen Kompetenz», schreibt der Don-Bosco-Verlag über dieses Praxisbuch. «Es bietet Rituale zu den Ereigniszeiten des Tages: Morgenkreis, Wickeln, Essen, Schlafen – Aufwachen, Verabschieden; entwicklungsbezogene Rituale zur Körperwahrnehmung und Identität, sowie Rituale zu den Festen im Jahreskreis. Enthalten sind auch 16 Lieder und Liedrufe, die als mp3-Dateien heruntergeladen werden können.»

Kinder ihre Vorstellung über die magische Welt erzählen lassen, sie achten und ihre Gefühle ernst nehmen: Das alles sind Bestandteile der spirituellen Erziehung. Theologe Anton A. Bucher erklärt die Kinderspiritualität – und wie sie sich im Laufe des Lebens weiterentwickeln kann.

Wer Kinder beim Spielen in der Natur beobachtet oder mit ihnen über Gott und die Schöpfung spricht, der spürt: Sie scheinen irgendwie näher dran am Kosmos zu sein. Die ersten Jahre ihres Lebens sind geprägt vom Staunen und von der Fähigkeit, sich die Welt in einem ganz eigenen Tempo zu erschliessen. Kinder erkunden mit allen Sinnen und dort wo diese nicht reichen, vertrauen sie auf Glauben und Fantasie.

«Kinder sind spirituelle Wesen», sagt der Schweizer Theologe und Pädagoge Anton A. Bucher katholisch.de. Und zwar im heutigen Sinne des Wortes. Früher sei Spiritualität gleichbedeutend mit kirchlicher Frömmigkeit gewesen, etwa wenn Ordensfrauen den Rosenkranz beteten. Unter spiritueller Erziehung habe man klassische Religionspädagogik verstanden. «Kinder lernten Beten und den Katechismus auswendig, nahmen an religiösen Handlungen teil und gingen in die Kirche», so der Autor des Buches «Wurzeln und Flügel. Wie spirituelle Erziehung für das Leben stärkt».

Heute werde der Begriff Spiritualität weiter gefasst, erklärt Bucher. «Er steht für eine Verbundenheit des Menschen mit der Natur, dem Kosmos, mit der sozialen Mitwelt, bis hin zur Menschheit als eine einzige grosse Familie. Und schliesslich mit einem höheren, transzendenten Wesen, in unserer Tradition Gott.» Kinder fühlen sich mit der Natur und ihren Mitmenschen verbunden und können leicht an übernatürliche Wesen glauben. «Anders als Erwachsene vermögen sie ihre Umgebung zu beseelen», sagt der Theologe, der selbst Vater von sechs Kindern ist.

Spirituell zu erziehen heisst, Kindern zuzuhören, wenn sie von ihren Vorstellungen über die magische Welt erzählen, sie zu achten und ihre Gefühle ernst zu nehmen. So fasst es Benediktinerpater Anselm Grün im Interview mit dem Elternportal «Spiel und Zukunft» zusammen.  Gemeinsam mit dem Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge hat er das Buch «Kinder fragen nach Gott. Wie spirituelle Erziehung Familien stärkt» geschrieben und wie auch Bucher sind beide der Meinung: «Spirituelle Erziehung soll die Verbundenheit von Kindern stärken.»

«Spiritualität in der Erziehung entlastet Eltern»

Etwa durch warmherzige familiäre Beziehungen von Beginn an. «Indem Eltern ihr Kind zum Beispiel zärtlich tragen, statt es im Wagen vor sich herzuschieben», so Bucher. Gemeinsame Ausflüge in die Natur, die Pflege eines Haustiers, familiäre Rituale, gemeinsames Beten und Feiern der Feste im Kirchenjahr, respektvolle und einfühlsame Freundschaften – all das fördere Verbundenheit. Erziehungsberater Rogge betont auch den wertschätzenden Umgang der Erziehenden mit sich selbst. «Die Bereitschaft der Eltern, nicht perfekt zu sein, ist für mich eine wichtige Zutat für Spiritualität. Kinder wollen geerdete Eltern, die zu sich und ihrem Handeln stehen.»

«Spiritualität in der Erziehung entlastet Eltern. Sie gibt ihnen das Vertrauen, dass sie aus einer Quelle schöpfen, die weit mehr ist, als das Wissen um Dinge», betont Grün. Und doch unterscheide sich der elterliche Glaube von dem ihrer Kinder. «Wachsen Kinder heran, ändert sich ihre Gottesvorstellung», so Bucher. Der starke Mann mit Bart, der von oben herabschaut, wird abgelöst durch symbolische Vorstellungen, etwa Gott als Licht, als Liebe. «Die Fähigkeit, Verbundenheit zu spüren, kosmische Geborgenheit, kann aber ein Leben lang gleichbleiben», erklärt Bucher. «Anders als Kinder können Erwachsene bewusst einen meditativen Weg beginnen, in sich schauen, tief über sich selbst nachdenken.»

Wie wichtig ist die Spiritualität der Eltern? «Sie kann der kindlichen Entwicklung förderlich sein», so Bucher. Untersuchungen belegten: Spirituelle Mütter stillen ihre Kinder häufiger und länger, sie schenken ihnen eine noch tiefere Geborgenheit. Spirituelle Väter bringen sich mehr ein, in die Erziehung des Kindes und die gemeinsam gestaltete Zeit ist ihnen wichtiger. Hinzu kommt, dass Kinder von Modellen lernen. «Wenn sie ihre Eltern als fürsorglich erleben, als tierliebend, als engagiert für die Umwelt, nehmen sie vieles davon auf. Besonders beeindrucken kann es Kinder, wenn sie ihre Eltern sehen, die in einem tiefen Gebet versunken sind.»

Die Verbundenheit ihrer Kinder mit dem Göttlichen können Eltern vertiefen, indem sie ihnen entsprechende Geschichten erzählen, empfiehlt Bucher. Etwa die Bibelgeschichte von Josef, in der es immer wieder heisst: «Und Gott war bei ihm.» Was jedoch, wenn Eltern atheistisch sind? Anke und ihr Mann Ralf sind beide Naturwissenschaftler*in und während Ralf gar nicht mehr an Gott glaubt, hat Anke grosse Zweifel an seiner Existenz. Am Abendbrottisch bekommt die siebenjährige Tochter Malou die Gespräche ihrer Eltern mit und sagte kürzlich zu einer Freundin: «Gott gibt es nicht.» Ihre Mutter sorgt sich nun: «Nehmen wir unserer Tochter etwas weg?»

Anton Bucher rät grundsätzlich von dogmatischen Sätzen wie «Gott gibt es nicht» ab. Besser sei die Aussage: «Ich persönlich glaube nicht, dass es ihn gibt.» Auf diese Weise werde seine Existenz offengelassen. Im Fall von Anke, Ralf und Malou würde Bucher das Gespräch mit der Tochter suchen. «Kinder sind keine leeren Gefässe, sondern vielmehr kleine Philosophen und Theologen. Fragen Sie ihr Kind, warum es meint, dass es Gott nicht gibt.» In erster Linie gehe es in der Erziehung darum, das Kind zu begreifen, so Bucher. Der Priester und Jugendseelsorger Romano Guardini habe dazu einmal geschrieben: «Wir haben erst dann das Recht ein Kind zu erziehen, wenn wir versucht haben, es zu verstehen.»

Janina Mogendorf für katholisch.de, erschienen am 1. Januar 2019

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Kindliche Spiritualität

Die kindliche Spiritualität zu fördern, wirkt sich laut Studien positiv auf die physische und seelische Gesundheit aus. Danach sind Menschen, die sich verbunden und in der Welt geborgen fühlen, gelassener, stressresistenter und belastbarer. Sie haben ein geringeres Risiko für Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Empirisch ist hinreichend erwiesen, dass sich spirituelle Kinder und Jugendliche wünschenswerter entwickeln, seltener in Sucht oder Depression geraten, sich wahrscheinlicher altruistisch-nächstenliebend verhalten.


Professor Anton A. Bucher

Schweizer Theologe, Pädagoge und Autor. Er lehrt Praktische Theologie an der Universität Salzburg und erforscht seit vielen Jahren die Psychologie von Spiritualität und Religiosität. In diesem Zusammenhang hat er sich auch mit kindlicher Spiritualität und spiritueller Erziehung befasst.