«Lueg, mis Scheffli esch ganz vore!» – Die jährliche Kerzensegnung zu Mariä Lichtmess wird in Greppen mit einer Tradition ergänzt: Gut zwei Dutzend Holzschiffchen schwammen am 3. Februar mit Lichtern ausgerüstet in die weite Dunkelheit des Vierwaldstättersees hinaus.

Kerzenschein erhellt die zahlreichen Gesichter in den Kirchenbänken. Viele Familien haben ihren Sonntagabend von der warmen Stube in die Kirche von Greppen verschoben. Gelegentliches Poltern und Kindergeschrei beleben das Gotteshaus. Trotzdem wird es ganz still, als sich der Kinderchor der Seepfarreien Greppen, Weggis und Vitznau auf den Stufen zum Altar aufstellt. Corina Zimmermann ist eine der Sängerinnen: Die Neunjährige hat schon mindestens vier Lichterschiff-Feiern erlebt. Beim Basteln der Holzboote lässt sie ihrer Kreativität freien Lauf – dieses Jahr hat sie ihr Dampfschiff mit Führerkabine und Piratenflagge ausgestattet. Besonders originell ist die rote Fahnengirlande: «Ich habe sie aus den alten Strumpfhosen meines kleinen Bruders ausgeschnitten», erklärt die Vitznauerin mit verschmitztem Lächeln.

Kreative Bastelarbeiten

Wie Corina haben rund 30 andere Kinder die Zeit vor dem 3. Februar mit Werkeln und Basteln verbracht. Vorgesägte Holzschiffchen – sogenannte Rohlinge – gabs bei der Pfarrei zu beziehen. Die weitere Ausstattung mit Naturmaterialien wie Holz, Baumwolle und Korkzapfen blieb den jungen Künstlerinnen und Künstlern selbst überlassen. Entsprechend säumen Konstruktionen mit blauen Streifen, Schweizerfahnen und Seitenrudern den freien Platz vor dem Altar, der zu diesem Anlass etwas nach hinten gerückt wurde. Pastoralassistent Flavio Moresino ist überwältigt: «Schön, dass ihr alle trotz Schneegestöber zu uns in die Kirche gefunden habt.»

Hoffnung in der Dunkelheit

Es ist Flavio Moresinos erste Lichterschiff-Feier. Im Gottesdienst segnet er die Kerzen fürs nächste Jahr und setzt den entsprechenden Schwerpunkt auf das Thema Licht: «Jesus selbst bezeichnete sich als das Licht der Welt. Alle Menschen, die ihm begegneten, konnten etwas von dieser Energie tanken und sie in die Welt hinaustragen. So auch Prophetin Hanna und Prophet Simeon an Mariä Lichtmess.» (siehe Kasten)

Im Anschluss an den Gottesdienst erhalten die Worte des Pastoralassistenten eine bildhafte Bedeutung: Jung und Alt stapfen mit flackernden Kerzen durch tiefen Schnee hinunter ans Seeufer. Dort entlassen Kinder, Eltern und Grosseltern die leuchtenden Schiffchen ins dunkle Nass – und mit ihnen ihre guten Wünsche und Hoffnungen.

Anna Graf

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40 Tage nach Weihnachten

Mariä Lichtmess oder «Darstellung des Herrn» geht zurück auf die Reise Josefs und Marias mit Jesus zum Tempel in Jerusalem. Traditionellerweise wurde der Erstgeborene dort Gott zur sogenannten «Erstgeburtsweihe» präsentiert. Der 2. Februar liegt 40 Tage nach Weihnachten und markiert somit das Datum von Jesus «Erstgeburtsweihe». Laut Überlieferung traf die Dreiergruppe im Tempel auf Prophetin Hanna und Prophet Simeon, wobei letzterer den Säugling als Herrlichkeit und Heil der Welt erkannte. Die heute verbreiteten Lichterprozessionen und Kerzensegnungen beruhen auf der Erzählung, Mönche eines nahegelegenen Klosters hätten Jesus auf dem Weg zum Tempel mit Kerzenlicht begleitet.

Kerzenschein erfüllt die Kirche Ruswil. Licht, das wärmt und leuchtet; sechs Uhr früh, es ist die erste Rorate-Feier in diesem Advent. Die Bänke sind leidlich gefüllt, bei der zweiten und dritten Feier dann, nächste und übernächste Woche, werden mehr und mehr Menschen in dem mächtigen Raum zusammenrücken. Je näher Weihnachten rückt, desto zahlreicher streben sie nach dem Licht, zeigt die Erfahrung. Die 1300 Kerzen hatte Sakristan Thomas Bucher schon am Vorabend aufgestellt. Die Lichter stehen auf Absätzen und Treppenstufen, auf den Altären und der Empore; sie bilden sternengleiche Muster Eine immense Arbeit. Eine halbe Stunde dauert das Anzünden im Team.

«Es kostet zwar Überwindung, so früh aufzustehen«, begrüsst Pastoralassistent Othmar Odermatt die Frauen, Männer und Kinder. «Aber gerade in dieser dunklen Zeit ist es wichtig, das Licht zu feiern. Menschen können selbst einander Licht sein. Darin wird Gott sichtbar.» Hörbar wird er in den leicht-lüpfigen Melodien der Geschwister Manuel, Eveline, Sonja und Florian Fuchs, die mit Akkordeon, Posaune, Klarinette und Kornett Seelenwärme in diesen Morgen zaubern. Ihre Mutter Beatrice Fuchs leitet sie an.

«Tauet, ihr Himmel, von oben»

Rorate-Feiern sind besondere Gottesdienste im Advent, die sehr früh und meist nur bei Kerzenlicht gefeiert werden.  Es gibt sie auch in vielen Luzerner Pfarreien. Rorate ist lateinisch und heisst «tauet». Es ist das erste Wort eines Verses aus dem Buch Jesaia, das den Adventsgedanken wiedergibt: «Tauet, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen!» Auch Advent ist ein lateinisches Wort; es heisst übersetzt Ankunft. «Für uns Christen bedeutet die Adventszeit die Zeit der Ankunft von Jesus Christus. Es ist die Zeit der Vorbereitung auf die Menschwerdung Gottes», erklärt Adrian Wicki, Pastoralassistent in Ruswil. Die Lesung an der heutigen ersten Rorate-Feier nimmt darauf Bezug: «Steh auf, werde Licht, denn es kommt dein Licht und die Herrlichkeit des Herrn geht strahlend auf über dir», heisst es beim Propheten Jesaia. Bei den Fürbitten singen alle gemeinsam: «Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt.»

Was damit gemeint ist, erzählt Katechetin Silvia Buob kindergerecht in der Geschichte von der alten Stall-Laterne, die der kleine Philipp ergattert und dem Samichlaus schenkt, dem sie fortan auf seinem Weg durch den dunklen Wald leuchtet. Die alte Laterne, beinahe weggeworfen, strahlt. Silvia Buob sagt: «Jeder Mensch hat viele Talente. Es kommt nicht darauf an, auf welches ich setze; wichtig ist, dass ich mich auf den Weg mache.»  Am zweiten und dritten Rorate-Morgen wird sie weiter erzählen, was die alte Stall-Laterne erlebt.

Mut zur Einfachheit haben

Nach der Rorate-Feier treffen sich Erwachsene und Kinder zum Zmorge im Pfarreiheim: Gelegenheit, sich zu treffen und zu stärken vor Arbeit und Schule. Dafür sorgt jeweils der Pfarreiheim-Hauswart zusammen mit Freiwilligen aus verschiedenen Gruppen. An diesem  Morgen sind auch Jugendliche aus dem WARU (Wahlangebote Religionsunterricht Oberstufe) engagiert.

Die Tische sind auch bei diesem zweiten Teil der Feier gut besetzt; die Verantwortlichen freuts. Was dazu beiträgt, gelte für alle Generationen, meinen die Verantwortlichen. «Die Kirche einmal nur von Kerzen erleuchtet zu sehen, das fasziniert aber besonders die Kinder», meint Silvia Buob. Hinzu komme die musikalische Begleitung, die jede Woche eine andere Gruppe aus der Musikschule besorge. Othmar Odermatt spricht vom «Mut zum ganz Einfachen». In Ruswil heisst das: Einfache Bibeltexte, deren «Übersetzung» in eine Geschichte, keine Schriftsprache, sondern Dialekt. Für Silvia Buob selbstverständlich: «Als Erwachsene habe ich ja auch nicht gern schwierige Texte.»

Dominik Thali

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Buchtipp

Reinhard Abeln: «Das grosse Kinderbuch zum Kirchenjahr – Heilige, Feste, Brauchtum, Rituale», St.Benno-Verlag Leipzig, ISBN 978-3-7462-4199-9, ca. CHF 12.