Die acht Überraschungen der Behindertenseelsorge

06.07.2020

Kannst du nicht ins Lager, kommt das Lager eben zu dir. Die Behindertenseelsorge bereitet deshalb ihren Gästen, welche diese Woche wegen der Corona-Krise nicht in Delsberg weilen können, jeden Tag eine Überraschung. Um gleichwohl «etwas Farbe und Abwechslung» in den Alltag zu bringen, wie die Verantwortlichen schreiben.

«Ich habe mich so auf diese Woche gefreut», sagt Rachèle Ryf. «Und war so enttäuscht, als die Absage kam.» Sie versteht den Grund – und mag sich aber nicht lange damit abgeben. Das Lachen lässt sich die 35-Jährige aus Sursee ohnehin nicht nehmen – es macht ihr Wesen aus. Sie strahlte also, als ihr vergangene Woche die Post ein dickes Couvert brachte, in dem acht weitere Couverts steckten: eines für jeden Tag, den sie zurzeit mit fast dreissig Kolleginnen und Kollegen in Delsberg verbringen würde. Ein sommerlicher Adventskalender sozusagen mit Allerlei zum Erzählen, Rätseln oder Ausmalen. Und einer selbstgemachten Aufklapp-Blume, die gestern Sonntag erblühte. Eines der Couverts enthält zudem ein Gebet: «Das soll uns alle miteinander verbinden, auch wenn wir uns nicht sehen», heisst es dazu im Begleitbrief.

Die Überraschung solle «etwas Farbe und Abwechslung in diese Woche bringen», schreiben Bruno Hübscher, Heidi Bühlmann, Marlis Rinert und Ursula Stiner. Die vier hätten die Delsberg-Woche gemeinsam geleitet. Bruno Hübscher ist der Behindertenseelsorger der katholischen Landeskirche, Heidi Bühlmann seine Mitarbeiterin; Marlis Rinert gehört ebenfalls zum Kernteam. Ursula Stiner trägt jeweils im Lager Mitverantwortung. Die Überraschungscouverts sind im Team von Heidi Bühlmann, Marlis Rinert und Ursula Stiner entstanden.

«Öppe chli tanze»

Rachèle Ryf ist mit zwei Schwestern aufgewachsen und lebt bei ihren Eltern in Sursee. In der Stiftung Brändi, nur ein paar Steinwürfe von ihrem Wohnort entfernt, hat sie ihren Arbeitsplatz im Restaurant Cayenne, wo sie Gäste bedient, abräumt und in der Küche gefragt ist. Vor drei Jahren wagte sich Ryf, die sich nicht so leicht auf Neues einlässt, das erste Mal nach Delsberg in die «Ferien- und Besinnungswoche für Menschen mit einer geistigen Behinderung». Davon sei sie «so begeistert» heimgekommen, dass die Woche seither ins Jahresprogramm gehöre, erzählt ihre Mutter Edith Ryf. Weshalb? Tochter Rachèle lacht – und zählt auf: «Kolleginnen und Kollegen treffen, die man nur einmal im Jahr sieht, etwas erleben, basteln, singen, Theater spielen, Ausflüge machen…» Und, ach ja, fast gings vergessen: «Öppe chli tanze mache ich auch gern.» Die Tage in Deslberg sind dicht.

Über Gott und das Leben reden

Die Behindertenseelsorge wird von der katholischen Landeskirche getragen, ist aber offen für alle Menschen. Als eines von vielen Angeboten (siehe Kasten) lädt sie jedes Jahr zu Ferienwochen in Delsberg ein; im Mai Menschen mit einer körperlichen Behinderung, im Juli solche mit einer geistigen. Rachèle Ryf fährt seit einigen Jahren mit, weil sie Marlis Rinert dazu ermunterte. Die beiden wohnen nicht weit voneinander entfernt und treffen sich ab und zu auf dem Arbeitsweg. Rinert, heilpädagogische Katechetin, setzt sich seit vielen Jahren freiwillig für die Behindertenseelsorge ein und gestaltet jeweils das Programm in Delsberg. Sie kennt Rachèle schon lange, war an der Heilpädagogischen Schule Sursee ihre Religionslehrerin und begleitete sie zur Erstkommunion und Firmung. Inzwischen nimmt Rachèle Ryf im Herbst jeweils an den Bibelkursen von Marlis Rinert teil. Geschichten aus der Bibel, das Leben von Jesus, die Kirche – das sind Themen, die Rachèle Ryf interessieren. «Ich rede gerne über Gott und das Leben», sagt sie. Rinert freut sich über den allemal guten Besuch. Sie staune immer wieder, berichtet sie welche Fragen die Menschen mit einer Behinderung stellten, «wie schnell wir jeweils in ihrem Alltag sind. Da gibts bei uns im Brändi auch, heisst es dann jeweilen.»

Die Überraschungscouverts gingen an alle, welche diese Woche nicht ins Lager nach Delsberg konnten. Die Auffalt-Blume steckte im Couvert von gestern Sonntag. | © 2020 Dominik Thali
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Statt ins Lager nach Delsberg jeden Tag ein Überraschungscouvert: Rachèle Ryf mit Heidi Bühlmann (links) und Marlis Rinert von der Behindertenseelsorge. | © 2020 Dominik Thali

Die Behindertenseelsorge

Die Seelsorge für Menschen mit einer Behinderung ist ein Angebot der katholischen Kirche im Kanton Luzern, das seit 1974 besteht. Sie ist offen auch für Menschen anderer Konfessionen und Religionen. Zum engeren Team gehören Seelsorger Bruno Hübscher  als Leiter und Heidi Bühlmann, die das Sekretariat der Behindertenseelsorge führt, verantwortlich ist, die Besinnungs- und Ferienwochen in Delsberg mitorganisiert und das Freizeitprojekt «Mein Weg» leitet. Pater Christian Lorenz kümmert sich um Menschen mit Hörbehinderung, Yvonne Rihm leitet den Beratungsdienst für Religionsunterricht an Sonderschulen und Marlis Rinert  ist Projektverantwortliche Andachten, Kurse, Besinnungstage sowie Begegnungsgottesdienste.

Die zwei Ferienwochen in Delsberg sind zwei von vielen Angeboten der Behindertenseelsorge. Besuche und Gespräche in den Einrichtungen für Menschen mit einer Behinderung gehören zu Alltag, Gottesdienste dort und gemeinsam mit Pfarreien, Sakraments- und Abschiedsfeiern,  Wallfahrten und andere Ausflüge sind weitere Angebote. Die Behindertenseelsorge unterstützt auch Eltern und Angehörige sowie Mitarbeitende in den Einrichtungen.