«Anerkennen»: So lautet das Motto des Aufrufs von Kirchen und Kanton Luzern in ihrem Aufruf zum Bettag vom 20. September. Kantonsratspräsidentin Ylfete Fanaj und Regierungspräsident Reto Wyss über Anerkennung in der Politik und die Rolle der Kirchen im Staat.

Der Bettagsaufruf ist so etwas wie eine Sonntagspredigt mitten im politischen Alltag. Warum überhaupt diese Aktion?
Reto Wyss: Der Bettag ist von der Geschichte her ein staatlicher Feiertag. Daraus leiten Kanton und Kirchen ihren gemeinsamen Bettagsauftritt ab, der seit 2009 praktiziert wird. Der Bettagsaufruf ist also keine Alibiübung und auch kein Traktandum, das in der Regierung nicht die erforderliche Beachtung findet. Wir setzen uns mit dem Text auseinander.

Inwiefern?
Reto Wyss: Die Regierung unterschreibt den Aufruf und will zu ihren Aussagen stehen können. Es soll sich in dieser heiklen Konstellation Kirche und Staat niemand vor den Kopf gestossen fühlen.

Ylfete Fanaj, Sie gehören als Muslimin schon seit Jahren der Arbeitsgruppe an, welche die Bettagsaktion vorbereitet? Warum dieses Engagement?
Ylfete Fanaj: Der Bettagsaufruf ist auch von der Islamischen Gemeinde als nicht anerkannte Religionsgemeinschaft unterschrieben. Für mich ist das eine symbolisch wichtige Botschaft von Gemeinsamkeit und Dialog. Ich leiste nur einen kleinen Beitrag. Aber gerade im Sinne des diesjährigen Mottos «Anerkennen» sind auch kleine Zeichen wichtig, um die Wertschätzung für die kirchliche Arbeit auszudrücken.

Sie haben vor kurzem mit der Wahl zur Kantonsratspräsidentin grosse Anerkennung erfahren. Wie wichtig ist Ihnen das?
Ylfete Fanaj: Anerkennung tut gut, in welcher Position auch immer. Man sollte sie im Alltag noch viel mehr ausdrücken. Manchmal sind es Kleinigkeiten, mit denen man Menschen wertschätzen und bestärken kann. Insbesondere, wenn wir ihnen zuhören und etwas Zeit schenken.

Regierungspräsident Reto Wyss. | | © 2020 Roberto Conciatori

Als Regierungsrat erhält man in der Regel mehr Kritik als Anerkennung.
Reto Wyss: Jeder Mensch braucht Anerkennung. Natürlich bekommen wir nicht gerade jeden Tag Liebesbriefe. Aber es gibt immer wieder Momente und Gelegenheiten, bei denen Bürgerinnen und Bürger – Bekannte und Unbekannte – ihre Anerkennung und Wertschätzung ausdrücken. Ich denke, das ist ein mindestens so wichtiger Faktor, um eine Arbeit gut und mit Freude auszuüben, wie der materielle Teil. Darum ist es wichtig, dass wir Menschen in ihren unterschiedlichsten Tätigkeiten Respekt und Anerkennung zollen. Unsere Gesellschaft funktioniert nur, wenn alle Rädchen sich drehen.

Sie beide haben für ihr «Regierungsjahr» ein Motto gewählt, das dem «Anerkennen» des Bettagsaufrufs sehr ähnlich ist: Verbinden. Das steht heute etwas quer in der Politlandschaft, wo meistens das Trennende, die Abgrenzung betont wird. Reto Wyss, Sie gehören einer sogenannten Mittepartei an: Wie schwierig ist es im politischen Alltag, «die Mitte» zu finden?
Reto Wyss: Es ist insbesondere schwierig, eine Mitteposition als politische Leistung zu verkaufen. Diese Erfahrung haben wir in der CVP in den vergangenen Jahren machen müssen. Kompromisse haben im politischen Alltag oft den Ruf des «faulen Kompromisses». Ich bin jedoch unvermindert der Überzeugung, dass es der Schweiz so gut geht, weil wir im Grundsatz den Konsens anstrengen. Darum ist es wichtig, für Kompromisse einzustehen und auf gemeinsame Lösungen hinzuarbeiten.

«Anerkennung ist ein mindestens so wichtiger Faktor, um eine Arbeit gut und mit Freude auszuüben, wie der materielle Teil.»

Reto Wyss, Regierungspräsident

Ylfete Fanaj, als Sozialdemokratin gehören Sie in der gängigen Diktion einer Pol-Partei an. Wie wichtig sind für Sie Werte wie Verbinden und Kompromisse?
Ylfete Fanaj: Ebenfalls mit Blick auf unsere Geschichte stelle ich fest: Erst dann, als wir anerkannt haben, dass man durchaus verschiedene Meinungen haben und trotzdem einen gemeinsamen Weg gehen kann, erst dann sind wir in der Schweiz weitergekommen und erfolgreich geworden. Wir haben als politische Parteien unterschiedliche Rollen. Polarisierung entsteht, wenn man sich ausgeschlossen fühlt. Es ist wichtig, dass die grösseren Parteien die kleineren anerkennen und bereit sind, die Minderheiten in den Dialog einzubeziehen und in die Verantwortung einzubinden. Das war in unserm Kanton in den letzten Jahren – zum Teil der finanziellen Lage geschuldet – nicht gegeben.

Sie unternehmen jetzt gemeinsam einen Versuch des Verbindens: Was können Sie konkret tun, damit möglichst viele Menschen «das Gemeinsame statt das Trennende entdecken», wie es in Ihrem Motto heisst?
Reto Wyss: Es soll mehr als ein Motto sein. Wir planen gemeinsame Veranstaltungen, bei denen wir mit möglichst vielen Menschen unseres Kantons ins Gespräch kommen wollen. Wir wollen insbesondere auch zeigen, dass wir zuhören können und nicht einfach unsere Botschaften überbringen.
Ylfete Fanaj: Ja, es geht um eine Haltung, die unser Jahr an der politischen Spitze des Kantons prägen soll. Wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen und das Verbindende betonen. Diese Überzeugung soll bei allen unseren Auftritten und Aktivitäten spürbar sein.

Kantonsratspräsidentin Ylfete Fanaj. | © 2020 Roberto Conciatori

Anerkennen und Verbinden: Wie wichtig sind die Kirchen in diesem Bereich?
Ylfete Fanaj: Kirchen und Religionsgemeinschaften leisten einen enorm wichtigen Beitrag für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Sie bieten Gemeinschaft, Lebenshilfe, Spiritualität und Seelsorge. Und ganz zentral: Sie ergänzen staatliche Leistungen sehr wirkungsvoll. Darum ist ihre öffentlich-rechtliche Anerkennung so bedeutsam. Aber auch die nicht offiziell anerkannten Religionsgemeinschaften leisten wichtige Arbeit.
Reto Wyss: Das kann ich nur bestätigen. Ich spüre das bei meiner Tätigkeit immer wieder. Die Kirche nimmt uns im gesellschaftlichen und sozialen Bereich einen Teil der Arbeit ab und ist eine wertvolle Ergänzung, die wir hoch schätzen. Die Partnerschaft mit den drei Landeskirchen und den weiteren Religionsgemeinschaften hat sich in den vergangenen Jahren sehr bewährt.

Die Kirchen verlieren Mitglieder und damit finanzielle Mittel. Droht eine Verschärfung der Lage im sozialen Bereich, weil ja auch der Staat eher auf der Sparbremse steht?
Ylfete Fanaj: Wir müssen uns bewusst sein, dass jeder Kirchenaustritt dazu beiträgt, dass der Staat längerfristig wieder mehr Aufgaben übernehmen muss. Ich bedaure jeden Kirchenaustritt, auch wenn ich viele Gründe gut verstehe. Aber man entzieht damit nicht dem Vatikan, sondern der Kirche vor Ort jene Mittel, die sie sehr sinnvoll einsetzt. Etwa bei der Gassenarbeit, Freiwilligenarbeit oder im Asylwesen.

«Kirchen und Religionsgemeinschaften bieten Gemeinschaft, Lebenshilfe, Spiritualität und Seelsorge. Und ganz zentral: Sie ergänzen staatliche Leistungen sehr wirkungsvoll.»

Ylfete Fanaj, Kantonsratspräsidentin

Der Asylbereich birgt auch Konfliktpotenzial zwischen Kirche und Staat. Etwa wenn es um Kirchenasyl geht. Da stehen sich Staatsräson und Gewissen manchmal im Weg.
Reto Wyss: Das ist so. Entscheide zu fällen, die für Menschen einschneidende Folgen haben, führt manchmal zu schweren inneren Konflikten. Als Politiker sind wir aber dem Recht verpflichtet und müssen unsere Arbeit auf den Grundlagen der Gesetze leisten. Es ist auf der anderen Seite legitim, dass eine Kirche in gewissen Fragen eine pointiertere Haltung einnimmt, weil sie eine ganz andere Grundlage hat.
Ylfete Fanaj: Wir leben in einem Rechtsstaat und in diesem Rahmen müssen wir uns alle an die Gesetze halten, egal, welche Gesinnung wir haben. Und trotzdem finde ich es wichtig, dass die Kirchen die Aufmerksamkeit auf Anliegen besonders verletzlicher Gruppen legen und deren Rechte einfordern. Sie sollen und müssen ihre Stimme erheben, den Finger auf wunde Punkte legen und so zum moralischen Kompass für uns Politikerinnen und Politiker werden.

Vor 50 Jahren hat der Kanton Luzern die römisch-katholische und die evangelisch-reformierte Kirche als Landeskirchen anerkannt. Das gilt schon seit 1932 auch für die christkatholische Gemeinde. Heute stellt sich die Frage, ob nicht weitere Religionsgemeinschaften, insbesondere der Islam, eine öffentlich-rechtliche Anerkennung erhalten müssten. Wie ist der Stand der Dinge im Kanton Luzern?

Reto Wyss: Mit der Totalrevision der Staatsverfassung wurde die Grundlage für die Anerkennung weiterer Religionsgemeinschaften geschaffen. Seither gab es mehrfach Überlegungen und Gespräche in dieser Richtung. Aber zu konkreten Ergebnissen haben diese Bemühungen bisher nicht geführt.

Ylfete Fanaj: «Das Gesetz regelt die Voraussetzungen und das Verfahren», heisst es in der Verfassung. Doch dieses Gesetz existiert noch nicht. Und die Zeit dafür ist – realistisch betrachtet – noch nicht reif. Auch die heutigen Landeskirchen mussten einen weiten Weg gehen, bevor sie anerkannt wurden. Das ist ein langer politischer Prozess. Darum ist es wichtig, dass wir uns heute auf diesen Weg machen. Wenn wir überzeugt sind, dass die Religionsgemeinschaften einen wichtigen gesellschaftlichen Stellenwert haben, dann müssen wir auch über die Nichtanerkannten reden. Sie haben heute eine rechtliche Stellung wie ein Fussballverein. Der verstärkte Dialog und eine verbindlichere Zusammenarbeit etwa mit dem Islam böte auch Gelegenheit, Sachverhalte zu klären und Ängste abzubauen.

Reto Wyss: Grundsätzlich einverstanden. Die bisherigen Bemühungen aber haben deutlich gezeigt, dass es in der Praxis einige handfeste Probleme gibt. Wir haben zum Beispiel keinen einheitlichen Ansprechpartner. Auch in der Frage der steuerlichen Hoheit gibt es noch viele ungelöste Fragen. Wir machen es uns nicht einfach und es ist wohl noch ein langer Weg.

Ylfete Fanaj: Das ist so. Aber der Kanton kann auf diesem Weg Unterstützung bieten. Das beginnt bei alltagspraktischen Fragen wie etwa, bei der Seelsorge Lösungen zu finden. Vor allem müsste der Kanton klar kommunizieren, dass er gewillt ist, diesen Weg zu gehen und die anstehenden Probleme anzupacken.

Haben Sie Ihrerseits aus Sicht der Politik ein Anliegen an die Kirchen und Religionsgemeinschaften?

Reto Wyss: Ich wünsche mir, dass wir unsere Partnerschaft, die gegenseitige Ergänzung und Zusammenarbeit weiterhin pflegen können. Sie kommt letztlich der gesamten Luzerner Bevölkerung zugute.

Ylfete Fanaj: Sie sollen eine andere Sicht öffnen für uns Politikerinnen und Politiker, die wir oft gefangen sind im Tagesgeschäft und eingebunden in unsere Parteien. Stimmen von aussen zu hören, ist deshalb sehr wertvoll.

Zum Schluss: «Der Bettag sollte auch ein Denk-Tag» sein, heisst es im Aufruf des Regierungsrats und der Kirchen. Kommen Sie im hektischen politischen Alltag überhaupt noch dazu, vertieft nachzudenken?

Reto Wyss: Ich hoffe schon, dass sich die Reflexion nicht nur auf den Bettag beschränkt. Ich selber versuche, mir immer wieder Zeitfenster herauszunehmen. Eine gute Gelegenheit sind etwa die Sommerferien. Da kann ich mich über längere Zeit in ein Thema vertiefen. Wichtig ist mir auch, regelmässig über meine eigene Arbeit nachzudenken: Was mache ich, und wie mache ich es?

Ylfete Fanaj: Ich funktioniere etwas anders.Wenn ich ein Zeitfenster habe, um über etwas nachzudenken, dann kommen mir meistens nicht besonders gute Ideen. Die besten Denkanstösse erhalte ich in Gesprächen mit verschiedensten Menschen. Beim Philosophieren bei einem guten Essen etwa. Darum ist es mir wichtig, genügend Zeit zu reservieren für Freundschaften und Diskussionen.

Interview: Stefan Calivers, Chefredaktor des «Willisauer Bote»

Kantonsratspräsidentin Ylfete Fanaj und Regierungspräsident Reto Wyss . | © 2020 Roberto Conciatori
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Bettag, Kirchen und Kanton

Anerkennen: Kirchen und Kanton Luzern stellen dieses Jahr ihre Aktion zum Bettag unter dieses Motto. Geplant war im Jubiläumsjahr der Landeskirchen, die Bevölkerung am Bettag zu einer öffentlichen Feier in die Festhalle Willisau einzuladen. Dieser Anlass musste wegen der Corona-Schutzmassnahmen abgesagt werden. So wird der Bettag im gewohnten Rahmen mit örtlichen Feiern begangen. Plakate und Spots in den Bussen weisen auf die Aktion hin. Zusätzlich schalten die Kirchen Zeitungsinserate mit dem Sujet des Bettagsplakats 2020. Sie legen dabei den Fokus auf das «Danke» im Bettag. Denn es gibt für sie allen Grund dafür, Danke zu sagen: Als Kirchen für die ihnen geschenkte Anerkennung, der Bevölkerung für die Solidarität, welche die Gesellschaft in dieser herausfordernden Zeit trägt. Das Interview mit Kantonsratspräsidentin Ylfete Fanaj und Regierungspräsident Reto Wyss ergänzt diese Kampagne. Es erscheint in vielen Zeitungen im Kanton Luzern.

Die drei Luzerner Landeskirchen und der Kanton treten seit 2009 mit einer Aktion zum Bettag an die Öffentlichkeit. Daran beteiligt sich jeweils auch die Islamische Gemeinde Luzern. Die Aktion soll dazu beitragen, dass der Bettag von der Bevölkerung unseres Kantons wahrgenommen wird und zum Nachdenken anregt.

Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag wird seit 1848 in allen Kantonen jeweils am dritten Sonntag im September gefeiert. Obwohl der Bettag an Bedeutung verloren hat und nicht mehr alle Kantonsregierungen eigene Bettagsworte herausgeben oder sich an solchen beteiligen, hat ein staatlicher, über Konfessionsgrenzen reichender Feiertag bis heute seinen Sinn nicht verloren. Im Kanton Luzern gilt der Bettag weiterhin als Hoher Feiertag, in einer Reihe mit dem Karfreitag, dem Ostersonntag oder dem Weihnachtstag.

In der Gruppe «Mein Weg» verbringen junge Menschen mit und ohne Behinderung Zeit miteinander. Sie teilen ihren Alltag, sie kochen zusammen, sie feiern. Die Gruppe, getragen von der katholischen und reformierten Landeskirche, besteht seit zehn Jahren.

Um die 20 Namen stehen auf der Adressliste von «Mein Weg», etwa die Hälfte traf sich am Freitag Abend (4. September) auf der Terrasse der katholischen Landeskirche, um das Jubiläum zu feiern. Mit dabei auch Max Scheitlin (29), der 2008 in einem Gespräch mit dem damaligen Behindertenseelsorger Gregor Gander den Wunsch geäussert hatte, eine Jugendgruppe von Menschen mit und ohne Behinderung zu bilden. Die Idee nahm Gestalt an, und am 5. Mai 2010 fand das erste Treffen statt. Seither ist «Mein Weg» für viele Jugendliche ein wichtiger Freundeskreis.

«Ein unkompliziertes Miteinander»

«Es geht um einen Austausch und die Darstellung seiner grossen sowie kleinen Wünsche, Ziele und Lebensträume – um eine Vision ihres Lebens», schrieb der Max Scheitlin damals in einer Medienmitteilung. Hans Sutter, reformierter Sozialdiakon im Ruhestand, spricht heute von einem «unkomplizierten Miteinander». Er leitet die Gruppe mit Heidi Bühlmann von der Behindertenseelsorge der katholischen Landeskirche. Seit 2010 fanden rund 50 Treffen statt. Es gab schon Filmabende, Spielen und Kochen sind beliebt, viele Treffen richten sich nach den Jahreszeiten und Kirchenfesten, Religion und Glaube spielen immer wieder eine Rolle. «Wir machen alles gerne», hatte Brigitte Kunz im Mai 2019 in einem «Kirchenschiff»-Beitrag erklärt; am Jubiläumsabend ist sie mit ihrem Partner Gilbert Löhle wiederum dabei. Wichtig sei ihr, bei «Mein Weg» Freundinnen und Freunde zu treffen, die sie nicht oft sehe, und über Themen in den Austausch zu kommen, die nicht alltäglich seien.

Sandra Dietschi, welche «Mein Weg» von 2015 bis 2019 mitgeleitet hatte, erinnert sich an «berührende Gespräche», die sie oft erlebt hat: «Ihr lasst uns Anteil nehmen an euren Geschichten, das ist nicht selbstverständlich», dankte sie am Jubiläumsabend den Anwesenden. In der Gruppe «Mein Weg» werde nicht nur von Inklusion gesprochen, «hier wird sie gelebt», hatte Dietschi schon im erwähnten «Kirchenschiff»-Artikel betont.

Bisherige Leitungspersonen: auf katholischer Seite Gregor Gander (2010–2015), Sandra Dietschi (2015–2019) und Heidi Bühlmann (seit 2019), auf reformierter Seite Stefan Sägesser (2013–2015), Hans Sutter (seit 2015)

KONTAKT: Heidi Bühlmann, Behindertenseelsorge der kath. Landeskirche, 041 419 48 43, heidi.buehlmann@lukath.ch

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Zwei katholische und zwei reformierte Jugendliche der Heilpädagogischen Schule Luzern feierten am Freitag Morgen, 4. September ihre Firmung, bzw. Konfirmation in der Kirche St. Anton in Luzern. Auf das Fest vorbereitet worden waren sie durch die Katechetinnen Christel Gysin und Yvonne Blum. Sie hatten sich darüber ausgetauscht, wie man das Vertrauen auf Gott vertiefen und selber dazu beitragen kann, dass Gott in den Begegnungen mit den Nächsten erfahrbar wird. Diesen göttlichen Geist des Wohlwollens und des Mutes wurde ihnen an der Firmung und Konfirmation durch Bischofsvikar Hanspeter Wasmer und Pfarrerin Margrit Schönholzer zugesprochen.

«Dass solche ökumenischen Feiern in der Behindertenseelsorge seit mehreren Jahren möglich sind, freut mich sehr», sagt der katholische Behindertenseelsorger Bruno Hübscher. Das Jubiläumsboot der Landeskirchen, das vor der Kirche anlegte, habe auch aufzeigen sollen, «dass wir in Zukunft noch mehrt zusammenarbeiten und uns gegenseitig ergänzen möchten», sagt Hübscher.

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Kirche ist, wo Menschen leben und sich begegnen. Im Sommer also auch auf der Alp. Im Entlebuch macht sich der reformierte Pfarrer mit dem Töff zu ihnen auf den Weg, und seine katholischen Kollegen segnen die Alpen. Was beide wollen: Anteil nehmen, ein Stück Leben teilen.

Auf der Alp Oberwisstanne ist die Kirche weit weg. Der Himmel dafür umso näher. Hier, auf 1507 Metern Höhe, verbringen Margrit (56) und Benz Fink (55) seit vielen Jahren den Alpsommer. Heuer mit 11 Kühen, 30 Guschti, 15 Kälbern – und 2 Eseln. Im Rücken der Alphütte ragt der Böli hoch, ein Zipfel der Schrattenfluh, nach vorne verliert sich der Blick in der Entlebucher Bergwelt.

«Die Leute dort besuchen, wo sie sind»

Die Oberwisstanne ist eine von 45 Alpen in Flühli, der grössten Gemeinde des Kantons. Erst vor 20 Jahren wurde sie mit einer Strasse erschlossen. An diesem Morgen ist Marcel Horni (62) diese hochgefahren. Jetzt legt er den Helm ab und den mitgebrachten Kuchen auf den Stubentisch. Marcel, gesiezt werden hier nur die hohen Herren, ist Pfarrer in Escholzmatt, drei Jahre nun schon und zuständig fürs obere Entlebuch, 1200 Reformierte. Das Motto der feiernden Landeskirchen, «Kirche kommt an», ist für ihn selbstverständliches Programm: «Man muss die Leute doch dort besuchen, wo sie sind», sagt er. Im Sommer sei das nun mal bei vielen Bauern und Bäuerinnen auf der Alp. Am liebsten ist er dorthin mit dem Töff unterwegs. Weil er damit überall durch- und – vor allem – besser ankommt. «Anders jedenfalls, als wenn ich in den Halbschuhen käme», hat Marcel schon erfahren. «Die Menschen sind offener und nehmen sich mehr Zeit.» Wotsch es Kafi?, heisse es oft schon bald.

Wie heute bei den Finks. Margrit tischt Währschaftes auf, schenkt ein und nach. Das Gespräch dreht sich um das Leben, um den Alltag auf der Alp also ebenso wie den Wald oder die Mutter im Altersheim. Und die Kirche. Benz sagt dazu keine langen Sätze. Die Kirche sei «etwas, das es einfach braucht», meint er, irgendwo müsse man schliesslich Halt finden, gerade wenn etwas passiere. Sie seien beide keine grossen Kirchgänger, fügt Margrit an, «aber einen Glauben haben wir natürlich trotzdem». Sie stammt vom Kemmeriboden, er aus dem Emmental; nach mehreren Pachten im Bernbiet konnte die reformierte Familie vor 16 Jahren einen Betrieb in Sörenberg erwerben.

«Das schätzen wir»

Der Pfarrer in seiner Töffkluft hört zu, nickt dann und wann. Seine Aufgabe sieht er darin, Anteil zu nehmen, mit den Menschen ein Stück Leben zu teilen. Die Alp-Besuche sind eine Gelegenheit dazu. Anteil nehmen: Er und die Mitglieder des Kirchenvorstands bringen aus diesem Grund auch das Glas Honig, das die Kirchgemeinde jeweils im Advent den über 75-Jährigen schenkt, am liebsten persönlich vorbei. Seine Wahrnehmung der Welt um ihn habe sich durch diese Seelsorgebesuche «extrem verändert», stellt Marcel fest. Wind und Wetter hätten hier im Bergbauerngebiet eine andere Bedeutung als im Unterland. «Und in den Ferien fotografiere ich bereits schöne Kühe.»

Benz und Margrit nicken. Dass der Pfarrer, den sie sonst kaum je treffen, «alle gleich behandelt, auch wenn sie so näbedusse wohnen», freue sie, sagt Benz. «Das schätzen wir sehr.»

Dominik Thali

© 2020 Roberto Conciatori

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Segensreiche Besuche auf den Alpen

Viele Seelsorgerinnen und Seelsorger besuchen im Sommer in ihren Gebieten die Älplerinnen und Älpler. Urs Corradini etwa, das katholische Gegenüber von Marcel Horni und Pastoralraumleiter im mittleren Entlebuch, nimmt sich jedes Jahr etliche Tage Zeit, um die Alpen zu segnen – natürlich auch jene von reformierten Älplerinnen und Älplern. Es ergebe sich meistens ein Gespräch, berichtet er, «dann beten wir miteinander und ich spende den Alpsegen». Den Segen mit einem Bibeltext bringt Corradini ausgedruckt mit und gibt ihn den Älplerinnen und Älplern, die ihn oft in der Stube aufhängen. Das Seelsorgeteam legt für diese «sehr schöne Aufgabe» (Corradini) weite Wege zurück. Manche Alpen sind nur von Berner Kantonsgebiet her erreichbar, vom Kemmeriboden.

Drei Männer aus Afghanistan, Eritrea und dem Kongo und machen derzeit eine Berufsattest-Ausbildung als Unterhaltspraktiker. Arbeitgeber ist die Kirchgemeinde Stadt Luzern.

«Seit einem Jahr bin ich glücklich und zufrieden. Die Arbeit macht Spass, es ist nie langweilig: Garten, Reinigung, Reparaturen, das gefällt mir.» Fitsum Teklebrhan (27) sprudelt, wenn er erzählt. Der gross gewachsene Eritreer ist einer von drei Flüchtlingen, die derzeit in den Luzerner Pfarreien St. Johannes, Leodegar und im Maihof-St. Josef ein Eidgenössisches Berufsattest als Unterhaltspraktiker machen. «Ich montiere Schränke, repariere Türen, lüfte», erzählt Amos Molenga (17), der vor sieben Jahren mit seinem Vater aus dem Kongo in die Schweiz kam. «Ich arbeite gern mit den Händen.» Nur Schnee schaufeln mag er nicht so, «das ist kalt», sagt er schmunzelnd.

«Deutsch ist schwer»

Wie seine beiden Kollegen ist auch Yaser Ahmadi (27) aus Afghanistan sehr froh, die Ausbildung machen zu können. «Ich mache am liebsten alles», sagt er lachend. Seit 2016 ist er in der Schweiz, musste aber lange auf die Aufenthaltsbewilligung warten. «Ohne Bewilligung kein Deutsch-Kurs», erläutert er. Er komme gut mit in der Schule, aber Deutsch sei schwer. Das bestätigt auch Fitsum Teklebrhan, der seit vier Jahren hier ist. «In der Schweiz zu leben ist hart. Doch wenn man den Weg findet, dann geht es.» Für alle drei ist die zweijährige Attestausbildung ein erster Schritt auf diesem Weg. Amos Molenga kann schon im Herbst die Lehre zum Fachmann Betriebsunterhalt EFZ anhängen. Sein Traum ist es, dereinst Ingenieur zu werden.

Als Muslim in der katholischen Kirche tätig

Auch Yaser Ahmadi will die EFZ-Berufslehre anschliessen. Er hofft, danach eine Stelle im Maihof zu bekommen, wo es ihm sehr gut gefällt. Dass er als Muslim in einer katholischen Kirche arbeitet, ist für ihn kein Problem. «Die Leute sind sehr offen und nett», schwärmt er. Fitsum Teklebrhan möchte sich als Sakristan ausbilden lassen. «Es tut mir gut, in der Kirche zu arbeiten», sagt der Katholik. Bei der Arbeit sei er im Gespräch mit Gott. Er hofft, nach der Lehre eine Stelle in einer Pfarrei zu finden.

Die Lernenden zirkulieren in mehreren Pfarreien, um alle Tätigkeitsfelder kennen zu lernen. Für die Gartenarbeit sind sie zudem zwei Tage pro Monat im Kapuzinerkloster Wesemlin, wo sie von Bruder Paul Mathis, Kapuziner und Gärtner, angeleitet werden.

Aufenthaltsbewilligung dank Lehrvertrag

In der Pfarrei St. Johannes im Würzenbach bildet Sakristan Franz Gantner seit 2006 Lernende aus.  An ihn gelangte Claudia Schmid, Leiterin Fachbereich Personal der Kirchgemeinde Stadt Luzern, als Nicola Neider, Leiterin Migration-Integration der Katholischen Kirche Stadt Luzern, eine Lehrstelle für den Sans Papier Molenga suchte. Aufgrund «hervorragender Rückmeldungen» erhielten Molenga und sein Vater inzwischen eine Aufenthaltsbewilligung.

Auf Antrag der Pfarreien St. Leodegar und Maihof-St. Josef schuf der Kirchenrat zwei weitere Attest-Lehrstellen für ihnen bekannte Flüchtlinge. Ahmadi hatte im Maihof ein Praktikum gemacht, Teklebrhan gehört zur eritreischen Gemeinde, die im «Leodegar» Gottesdienst feiert. Peter Lustenberger, Leiter Infrastruktur St. Leodegar, und Artemas Koch, Zentrumsleiter im Maihof, sind ihre Ausbildner.

Unterstützung durch Pfarreien

Solche Personen mit fachlichem Hintergrund und Offenheit brauche es für die Ausbildung von Lernenden, sagt Schmid. Für den Schulbesuch wäre ein Deutsch Niveau B1 optimal. Bei Lernenden mit Migrationshintergrund würden die Pfarreien individuell Unterstützung bieten. «Die Kirchgemeinde ist offen, weiterhin Lernende auszubilden.  Die Erfahrungen sind für alle Beteiligten sehr positiv», so Schmid.

Sylvia Stam

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Modell für andere Pfarreien

Um eine Lehrstelle als Unterhaltspraktiker/in EBA anzubieten, braucht es in einer Pfarrei Personen mit Offenheit für Jugendliche und dem nötigen fachlichen Hintergrund, «eine Ausbildung in Gebäudetechnik oder als Hauswart», sagt Claudia Schmid, Leiterin Fachbereich Personal der katholischen Kirchgemeinde Stadt Luzern. «Für den Schulbesuch sollte ein Deutsch Niveau B1 erreicht werden. Bei Lernenden mit Migrationshintergrund sei es hilfreich, wenn die Pfarrei individuell Unterstützung anbietet. Kleineren Pfarreien empfiehlt sie, sich mit anderen zusammentun, um alle Tätigkeiten abzudecken.

Die St. Anna-Schwestern in Luzern haben seit Ende Juli erstmals eine Leiterin, die keine der Ihren ist: Simone Rüd. Sie betreten damit Neuland – einmal mehr. Und wollen so anderen Gemeinschaften Mut machen.

Am Vortag des St.-Anna-Festes, am 25. Juli, übernahm Simone Rüd (58) die Leitungsaufgabe von Sr. Rosa Scherer (77), die fast 30 Jahre lang Führungsaufgaben in der Gemeinschaft innehatte. Rüd ist damit die erste Leiterin der Schwestern, die nicht dem Orden angehört. Die Theologin und Palliative-Care-Fachfrau hat viele Jahre Erfahrung als Spitalseelsorgerin. Anfang Jahr wechselte sie ins «St. Anna», jetzt ist sie neu auch die erste Ansprechperson für die noch gut 60 Schwestern (siehe Kasten). Für Alltägliches, wenn zum Beispiel jemand im Spital liegt. Oder sie organisiert gemeinschaftliche Anlässe. Was möglich sei, müsse das Zusammenleben erst zeigen, sagt Simone Rüd. Sie ist vor allem auch Vertrauensperson, hat Zeit und ein offenes Ohr: «Damit das Zusammenleben immer wieder neu gelingt», sagt sie. Dies sei auch in einer Schwesterngemeinschaft stets zu üben, nicht anders als in einer Familie.

«Bi de Lüüt» sein

Ob sie nicht selbst in die Gemeinschaft eintreten wolle, wurde Simone Rüd seit ihrem Stellenwechsel bisweilen gefragt. Sie lacht – und winkt ab: Das Thema Frauengemeinschaften begleite sie zwar seit dem Studium, «aber nur von aussen». Die neue Aufgabe, die Generaloberin Sr. Heidi Kälin (66) erst mit einem handschriftlichen Brief an sie trug, passt ihr, weil sich darin Seelsorge und Betreuung eng verzahnen. «Und ich so immer nahe bi de Lüüt sein kann», wie Rüd sagt. Sie hat ein 100-Prozent-Pensum, ist an Werktagen täglich vor Ort und teilt das Mittagessen mit den Schwestern. Am Wochenende organisieren sich die Schwestern ohne die neue «Oberin», denn Simone Rüd lebt nicht «im St. Anna». Um Verwaltungsbelange, zum Beispiel Versicherungen oder die Krankenkasse, muss sie sich nicht kümmern, das tut die St. Anna Stiftung (siehe Kasten).

Für die St. Anna-Schwestern brauchte die Anstellung von Simone Rüd «einigen Mut», wie Sr. Heidi einräumt. Für sie und ihre Mitschwestern ist der Entscheid aber richtig, zumal er daran anknüpft, was die Gemeinschaft seit über 20 Jahren gut kann: planen und neugestalten. «Dazu hat uns der Heilige Geist immer wieder bewegt», sagt die Generaloberin. Sie wurde vor 14 Jahren als damals Jüngste an die Spitze der St. Anna-Schwestern gewählt. Heute zählt Sr. Heidi mit 66 Jahren zu den noch vier Frauen der Gemeinschaft, die jünger als 70 sind.

Ein Zukunftsmodell

Als die Schwestern Anfang 2019 in einer Zukunftswerkstatt auf das Jahr 2030 blickten, waren sie sich bewusst, dass es darum geht, mit Blick auf die Wirklichkeit und doch Vertrauen Entscheide zu treffen. Auch wenn viele von ihnen manche Veränderung nicht mehr erleben würden. Trotzdem spricht Sr. Heidi von einem Zukunftsmodell, das nun umgesetzt werde und das anderen Gemeinschaften Mut machen könne. Sie ist sich gewiss: «Es gibt immer einen Weg.» Vor über 20 Jahren gründeten die St. Anna-Schwestern in diesem Vertrauen eine Stiftung, um ihre sozialen Werke zu sichern und dieser mehr und mehr die Sorge um die alternde Gemeinschaft anzuvertrauen. 2009 begann das «St. Anna», Schwestern anderer Orden in seine Häuser aufzunehmen. Später war die Gemeinschaft die treibende Kraft für das benediktinische Zentrum, das 2019 im Kloster Sarnen eröffnet wurde und in dem auch die Schwestern vom Melchtal und von Wikon ein neues Zuhause fanden.

Sr. Samuelle Käppeli, mit 56 Jahren die Jüngste der St. Anna-Schwestern und Mitglied des Generalrats, sagt, es gehöre zum Wesen und Auftrag der Gemeinschaft, «die Zeichen der Zeit» zu erkennen. «Wir können heute also weniger durch unser Tun wirken», sagt sie, «immer noch aber durch unser Dasein und unsere Anteilnahme am Leben der Welt um uns.» Simone Rüd nickt. Dies sei spürbar im Haus. Sie weist auf das Alterszentrum St. Anna hin, das in gut einem Jahr eröffnet werden wird und wo neben den Schwestern andere Menschen ihren Lebensabend verbringen werden, die sich von der spirituellen Ausrichtung des Hauses angesprochen fühlen. Das Zentrum entsteht unterhalb der Hirslanden-Klinik St. Anna, dem Gründungsort der Gemeinschaft. Wer in Luzern vom «St. Anna» spricht, meint seit jeher das Spital auf der Sonnseite der Stadt. Dieses liegt den Schwestern nach wie vor am Herzen, war es doch über Jahrzehnte das Mutterhaus der Gemeinschaft. Vor 15 Jahren veräusserte sie die Klinik an die Hirslanden-Gruppe.

Generaloberin Sr. Heidi ist es wichtig, dass die Schwestern auch in ihren alten Tagen ein erfülltes Leben führen können. Das absehbare Ende der Gemeinschaft in der Schweiz nimmt sie gelassen. «Im Lauf der Geschichte sind schliesslich schon viele Orden verschwunden.» Die Gemeinschaft der St. Anna-Schwestern lebe und wirke in Indien und Ostafrika weiter.

Das aus deren Häusern in Luzern nun ein Alterszentrum entsteht, freut Sr. Heidi zusätzlich. «Es lohnt sich, in die Zukunft zu investieren, auch wenn das Werk uns Schwestern überleben wird.» Der Geist von St.  Anna werde über diese spürbar bleiben.

Dominik Thali

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Noch vier Schwestern sind jünger als 70 Jahre

1909 | Die Gemeinschaft wird von Wilhelm Meyer, Regens am Priesterseminar Luzern, gegründet. Unter dem Namen «St. Anna-Verein» entsteht eine Organisation für die Pflege von Müttern und Kindern.
1918 | Das neu erbaute Sanatorium St. Anna (heute Hirslandenklinik St. Anna) wird eröffnet.
1927 | Die ersten Schwestern reisen nach Indien in die Missionen. 1990 dehnen sie ihr Werk nach Ostafrika aus. Heute arbeiten rund 900 Schwestern in 60 Niederlassungen, seit 2000 unabhängig von der Schweiz.
1998 | Die Gemeinschaft wird kleiner und beschliesst, keine neuen Mitglieder mehr aufzunehmen. Die Stiftung St. Anna wird gegründet, um die sozialen Werke der Schwestern für die Zukunft zu sichern und mehr und mehr für die Bedürfnisse der Schwestern zu sorgen.
2005 | Das «St. Anna» in Luzern wird als letzte der vier eigenen Kliniken (neben Zürich, Lugano und Fribourg) verkauft.
Heute | In den 50er Jahren zählte die Gemeinschaft in Luzern rund 400 Schwestern; heute sind es 62, das Durchschnittsalter beträgt 80 Jahre, nur vier Schwestern sind jünger als 70.
Ende 2021 | Das Alterszentrum St. Anna wird eröffnet. Es wird mit den bestehenden Schwesternhäusern insgesamt rund 130 Wohn- und Pflegeplätze bieten – für die Schwestern selbst und weitere Interessierte.

Stiftung verwaltet die sozialen Werke

Die St. Anna-Schwestern bewiesen schon 1998 Weitsicht. Sie gründeten damals eine Stiftung, die sich seither um die Bedürfnisse der der Schwestern kümmert und deren soziale Werke für die Zukunft sichert. Heute sind dies noch eine Kindertagesstätte, ein Alterszentrum, die Herberge «Haus Hagar» für Frauen in Not sowie die Hilfswerke in Indien und Afrika. Die Stiftung sichere die Lebensgrundlagen der Schwesterngemeinschaft, sagt Generaloberin Sr. Heidi Kälin. Als Arbeitgeberin zählt sie rund 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

 

Menschen, die in einer schwierigen Lebenslage stecken, brauchen keine Ratschläge. Aber ein Gegenüber, das sie stärkt, damit sie selbst aus der Krise finden. Das Team der «elbe – Fachstelle für Lebensfragen» in Luzern tut dies im Auftrag der Kantone. Die Kirchen helfen, dass sich alle diese Hilfe leisten können.

Die «elbe» kann keine Probleme verschwinden lassen. Probleme sind für das Team aber auch gar keine Messgrösse. Stellenleiterin Hildegard Pfäffli, Psychotherapeutin und Heilpä­dagogin, spricht dann von Erfolg, «wenn es jemand schafft, mit seiner Herausforderung einen stimmigen Umgang zu finden». Auch wenn bloss klar werde, welches der nächste Schritt sei, fügt Lea Ming an, Sozialarbeiterin und Sexualberaterin. «Denn es geht immer nur um diesen.»

Steigende Nachfrage

Wie weiter? Mit dieser Frage gelangen etwa Paare an die «elbe», die gewahr werden, wie wenig sie noch verbindet, seit die Kinder flügge sind. Sucht eine schwangere Frau Unterstützung, die sich von ihrem Partner getrennt hat und nicht weiss, wie sie mit ihrem Kind über die Runden kommen soll. Oder breitet ein Mann sein Leben aus, der seine eigenen Bedürfnisse so lange zurückgenommen hatte, bis er in die Gewalt abrutschte.
«Krisen sind auch ein Fenster zur Veränderung», sagt Pfäffli. Sie stellt fest, dass immer mehr Menschen, Paare und Einzelpersonen, nach einem konstruktiven Umgang mit ihren Schwierigkeiten suchen. Das schlägt sich in der Nachfrage nieder, die in der Ehe- und Lebensberatung ebenso steigt wie in der Schwangerschaftsberatung. Die «elbe» ist in Luzern, Ob- und Nidwalden die offizielle Stelle für beide Bereiche (siehe Kasten).
Die Schwangerschaftsberatung ist kostenlos. Weil die Kirchen die «elbe» mittragen und finanziell unterstützen, können auch alle zur Einzel- und Paarberatung kommen. Die Tarife richten sich nach dem Einkommen. «Das ist einmalig und wäre ohne Kirchenhilfe nicht möglich», sagt Pfäffli.

«Spüren, was das Leben fordert»

Die kirchlichen Beiträge helfen zudem mit, dass die «elbe» ihre Angebote entwickeln und ausbauen kann. Seit einem Jahr gehört zum Beispiel Mediation zu den Dienstleistungen. Oder: Der Elternkurs «Kinder im Blick» ist neu kein Projekt mehr, sondern wird zweimal jährlich durchgeführt. Beide Angebote helfen Müttern und Vätern, die sich trennen, eigenverantwortlich Lösungen zu entwickeln, die sie danach gemeinsam tragen. Die Idee: Gestärkt aus der Krise kommen.

Platzhalter-Tierfiguren für die Beratung: Blick auf eines der «elbe»-Büchergestelle. | © 2020 Roberto Conciatori

Die «elbe» zählt fünf angestellte und gegen 20 freie Mitarbeitende. Viele von ihnen sind auch unterwegs. Zum Beispiel bieten sie schon lange für Schulen und Eltern Module in der Gesundheitsförderung und Sexualpädagogik an, neu «Sexualität und digitale Medien». Eine Zusammenarbeit gibt es auch im Bereich Migration, wo sie etwa Sans-Papiers zugute kommt. Über die Fachstelle Fabia schliesslich, ein anderes Beispiel, gelangt die «elbe» an Frauen aus anderen Kulturen, für die es neu das Angebot «Mama, du bist uns wichtig» gibt. Das Ziel: Frauen stärken.

«Spüren, was das Leben fordert», darum gehe es immer wieder, sagt Hildegard Pfäffli. Sie leitet die «elbe» seit fünf Jahren. Mit Begeisterung: «Wenn Menschen mit unserer Unterstützung mutig neue Wege gehen, ist das eine sehr schöne Arbeit.»

Dominik Thali

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Beratungsstelle im Auftrag der Kirchen und Kantone

Die Kantone müssen Ehe-, Familien- und Schwangerschaftsberatungsstellen führen. Luzern, Ob- und Nidwalden kommen dieser gesetzlichen Pflicht über die «elbe – Fachstelle für Lebensfragen» in Luzern nach. Die Landeskirchen hatten den Trägerverein der «elbe» 1973 mitgegründet und finanzieren bis heute rund einen Viertel des Aufwands. Der katholische Luzerner Synodalrat Hans Burri präsidiert den Verein.

 

Kannst du nicht ins Lager, kommt das Lager eben zu dir. Die Behindertenseelsorge bereitet deshalb ihren Gästen, welche diese Woche wegen der Corona-Krise nicht in Delsberg weilen können, jeden Tag eine Überraschung. Um gleichwohl «etwas Farbe und Abwechslung» in den Alltag zu bringen, wie die Verantwortlichen schreiben.

«Ich habe mich so auf diese Woche gefreut», sagt Rachèle Ryf. «Und war so enttäuscht, als die Absage kam.» Sie versteht den Grund – und mag sich aber nicht lange damit abgeben. Das Lachen lässt sich die 35-Jährige aus Sursee ohnehin nicht nehmen – es macht ihr Wesen aus. Sie strahlte also, als ihr vergangene Woche die Post ein dickes Couvert brachte, in dem acht weitere Couverts steckten: eines für jeden Tag, den sie zurzeit mit fast dreissig Kolleginnen und Kollegen in Delsberg verbringen würde. Ein sommerlicher Adventskalender sozusagen mit Allerlei zum Erzählen, Rätseln oder Ausmalen. Und einer selbstgemachten Aufklapp-Blume, die gestern Sonntag erblühte. Eines der Couverts enthält zudem ein Gebet: «Das soll uns alle miteinander verbinden, auch wenn wir uns nicht sehen», heisst es dazu im Begleitbrief.

Die Überraschung solle «etwas Farbe und Abwechslung in diese Woche bringen», schreiben Bruno Hübscher, Heidi Bühlmann, Marlis Rinert und Ursula Stiner. Die vier hätten die Delsberg-Woche gemeinsam geleitet. Bruno Hübscher ist der Behindertenseelsorger der katholischen Landeskirche, Heidi Bühlmann seine Mitarbeiterin; Marlis Rinert gehört ebenfalls zum Kernteam. Ursula Stiner trägt jeweils im Lager Mitverantwortung. Die Überraschungscouverts sind im Team von Heidi Bühlmann, Marlis Rinert und Ursula Stiner entstanden.

«Öppe chli tanze»

Rachèle Ryf ist mit zwei Schwestern aufgewachsen und lebt bei ihren Eltern in Sursee. In der Stiftung Brändi, nur ein paar Steinwürfe von ihrem Wohnort entfernt, hat sie ihren Arbeitsplatz im Restaurant Cayenne, wo sie Gäste bedient, abräumt und in der Küche gefragt ist. Vor drei Jahren wagte sich Ryf, die sich nicht so leicht auf Neues einlässt, das erste Mal nach Delsberg in die «Ferien- und Besinnungswoche für Menschen mit einer geistigen Behinderung». Davon sei sie «so begeistert» heimgekommen, dass die Woche seither ins Jahresprogramm gehöre, erzählt ihre Mutter Edith Ryf. Weshalb? Tochter Rachèle lacht – und zählt auf: «Kolleginnen und Kollegen treffen, die man nur einmal im Jahr sieht, etwas erleben, basteln, singen, Theater spielen, Ausflüge machen…» Und, ach ja, fast gings vergessen: «Öppe chli tanze mache ich auch gern.» Die Tage in Deslberg sind dicht.

Über Gott und das Leben reden

Die Behindertenseelsorge wird von der katholischen Landeskirche getragen, ist aber offen für alle Menschen. Als eines von vielen Angeboten (siehe Kasten) lädt sie jedes Jahr zu Ferienwochen in Delsberg ein; im Mai Menschen mit einer körperlichen Behinderung, im Juli solche mit einer geistigen. Rachèle Ryf fährt seit einigen Jahren mit, weil sie Marlis Rinert dazu ermunterte. Die beiden wohnen nicht weit voneinander entfernt und treffen sich ab und zu auf dem Arbeitsweg. Rinert, heilpädagogische Katechetin, setzt sich seit vielen Jahren freiwillig für die Behindertenseelsorge ein und gestaltet jeweils das Programm in Delsberg. Sie kennt Rachèle schon lange, war an der Heilpädagogischen Schule Sursee ihre Religionslehrerin und begleitete sie zur Erstkommunion und Firmung. Inzwischen nimmt Rachèle Ryf im Herbst jeweils an den Bibelkursen von Marlis Rinert teil. Geschichten aus der Bibel, das Leben von Jesus, die Kirche – das sind Themen, die Rachèle Ryf interessieren. «Ich rede gerne über Gott und das Leben», sagt sie. Rinert freut sich über den allemal guten Besuch. Sie staune immer wieder, berichtet sie welche Fragen die Menschen mit einer Behinderung stellten, «wie schnell wir jeweils in ihrem Alltag sind. Da gibts bei uns im Brändi auch, heisst es dann jeweilen.»

Die Überraschungscouverts gingen an alle, welche diese Woche nicht ins Lager nach Delsberg konnten. Die Auffalt-Blume steckte im Couvert von gestern Sonntag. | © 2020 Dominik Thali
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Die Behindertenseelsorge

Die Seelsorge für Menschen mit einer Behinderung ist ein Angebot der katholischen Kirche im Kanton Luzern, das seit 1974 besteht. Sie ist offen auch für Menschen anderer Konfessionen und Religionen. Zum engeren Team gehören Seelsorger Bruno Hübscher  als Leiter und Heidi Bühlmann, die das Sekretariat der Behindertenseelsorge führt, verantwortlich ist, die Besinnungs- und Ferienwochen in Delsberg mitorganisiert und das Freizeitprojekt «Mein Weg» leitet. Pater Christian Lorenz kümmert sich um Menschen mit Hörbehinderung, Yvonne Rihm leitet den Beratungsdienst für Religionsunterricht an Sonderschulen und Marlis Rinert  ist Projektverantwortliche Andachten, Kurse, Besinnungstage sowie Begegnungsgottesdienste.

Die zwei Ferienwochen in Delsberg sind zwei von vielen Angeboten der Behindertenseelsorge. Besuche und Gespräche in den Einrichtungen für Menschen mit einer Behinderung gehören zu Alltag, Gottesdienste dort und gemeinsam mit Pfarreien, Sakraments- und Abschiedsfeiern,  Wallfahrten und andere Ausflüge sind weitere Angebote. Die Behindertenseelsorge unterstützt auch Eltern und Angehörige sowie Mitarbeitende in den Einrichtungen.

Was hat mich durch die Coronazeit getragen? Am Philosophieabend der Behindertenseelsorge war das eine der Fragen. Und kam Gutes vom Grill auf den Tisch.

Am Donnerstag, 25. Juni, kamen sechs Frauen und Männer zum Philosophieabend für Menschen mit einer körperlichen Behinderung zusammen. Seit dem Corona-Lockdown war dies das erste Angebot der Behindertenseelsorge der katholischen Landeskirche, das wieder besucht werden konnte. Es war gleichzeitig die Gelegenheit, die neue Rollstuhlrampe einzuweihen, die auf den Balkon des Hauses am Abendweg 1 in Luzern führt.

Die Teilnehmenden erzählten sich gegenseitig, was sie in der Coronazeit getragen hatte und welche Geschichten, Weisheiten oder philosophischen Gedanken ihnen in dieser Zeit hilfreich waren. Dazu sang die Runde einige Lieder und genoss Köstlichkeiten vom Feuergrill, der auf dem Balkon angezündet wurde.

Für alle war zu vorgerückter Stunde klar, dass dies nicht der letzte «Philosophieabend mit Bräteln» war, den sie genossen hatten. Das Beisammensein und Austauschen über wichtige Lebensfragen tut Menschen mit und ohne Behinderung gut und wird in dieser oder ähnlicher Form sicher nächstens wiederholt.

Die neue Rollstuhlrampe auf den Balkon hält: Brigitte Kunz testet sie mit Erfolg. | © 2020 Bruno Hübscher
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Menschen, die sich begleitet das Leben nehmen wollen, können weder Sakramente noch seelsorgliche Begleitung erwarten. Die Bischöfe wägen in ihrer «Orientierungshilfe» zwar ab. Doch im (katholischen) Pfarreialltag ist ihr Schreiben nicht mehr als Papier.

Für die Bischöfe ist klar: Der «vorsätzlich assistierte Suizid» sei eine Sünde und «moralisch unentschuldbare Tat Tat», die dem Evangelium und den Sakramenten des Lebens widerspreche. In ihrer «Orientierungshilfe» (siehe Kasten) sprechen sie aber auch vom «überlegten Abwägen» jedes Einzelfalls. Es sei ein Ausdruck von Gottes Barmherzigkeit, einer suizidwilligen Person und deren Familie beizustehen sowie «ein Zeichen für einen Gott des Lebens». Die Bischöfe verstehen ihr 36-seitiges Papier als Hilfe zur «richtigen seelsorglichen Begleitung» von Menschen, die mithilfe einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben scheiden wollten und sich zugleich an die Kirche wenden mit der Bitte um Begleitung und den Empfang der Sakramente.

«Nicht ich entscheide»

Solche Bitten häuften sich tatsächlich, stellt etwa Claudio Tomassini fest, Leiter des Pastoralraums Sursee. Und angegangen werde er eigentlich erst, wenn die Situation akut sei. Tomassini ist dann, wie den Bischöfen, das Gespräch wichtig. Während diese aber die Seelsorgenden auffordern, sie sollten «bis zuletzt versuchen», eine Person «von ihrem Vorhaben abzubringen», betont Tomassini, es sei nicht seine Aufgabe, zu entscheiden. Er wolle vielmehr sein Gegenüber dazu bringen, selbst auf seine Frage eine Antwort geben zu können. Für Tomassini ist dabei das eigene Gewissen «die letzte Instanz» und «ein wunderbares Geschenk». Er hat erfahren, dass Menschen  gerade in Notsituationen froh sind, jemanden zu haben, der ihnen im Gespräch dieses Gewissen schärft. «Zu sagen, dieses oder jenes sei eine Sünde, nützt dagegen niemandem etwas.»

An die Angehörigen denken

Das Gespräch ist auch Theres Küng wichtig, Leiterin des Pastoralraums Michelsamt. «Es geht nicht darum, ein eigenes Urteil zu fällen.» Küng berichtet von einer Person, die sich begleitet das Leben nehmen wollte und die sie auf die Möglichkeiten der Palliative Care hinwies. «Diese Person starb dann in einem Hospiz. Das war ein guter Entscheid, besonders für ihre Angehörigen.» In einem anderen Fall baten die Angehörigen einer suizidwilligen Person um seelsorgliche Begleitung. Küng war mit ihnen in Kontakt, auch am Tag des assistierten Suizids. Sie hält diese Zuwendung für ebenso wichtig. «Das kann am Ende auch der suizidwilligen Person helfen.»

Zu Widerspruch geführt hat die «Orientierungshilfe» der Bischöfe vorab dort, wo diese den Seelsorgenden erklären, wie sie Menschen begleiten sollen, die unmittelbar vor einem begleiteten Suizid stehen. Die Sakramente – Kommunion und Krankensalbung – könnten nur dann gespendet werden, heisst es in dem Papier, wenn die Möglichkeit bestehe, «die Person dahingehend zu begleiten, dass sie von der getroffenen Entscheidung Abstand nehmen kann». Und wenn der Akt des Suizid beginne, müssten die Seelsorgenden das Zimmer verlassen. Die Sakramente seien «stets Sakramente des Lebens» und könnten nicht als Vorbereitung für den Suizid gespendet werden, begründen die Bischöfe. Und: Das Zimmer zu verlassen, bedeute nicht, die Person zu verlassen. Die Kirche setze einen Sünder nicht mit seiner objektiven Sünde gleich. Die Bischöfe wollen weiter verhindern, dass die «Gegenwart im Auftrag der Kirche als eine moralische Unterstützung des assistierten Suizids aufgefasst werden könnte».

«In Absprache mit Gott»

In den sozialen Medien stiess diese Haltung auch auf Unverständnis: «Wenn überhaupt ein/e Seelsorger/in gerufen wird, geht es doch darum, zu begleiten bis zum Tod. Das Leben ist ein Geschenk, kein Zwang», kommentierte etwa Simone Curau-Aepli, Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds, auf Facebook. Der Medienpädagoge und frühere Thurgauer Synodale Thomas Merz befand, es habe « mit christlicher Nächstenliebe nichts zu tun», einen Menschen in der wohl schwierigsten Situation seines Lebens zu verlassen.

Wo seine Seelsorge bei einem assistierten Suizid «ihre Grenzen fände», weiss Roland Häfliger, Pfarrer des Pastoralraums Baldeggersee, nicht – er hat noch keinen solchen Fall erlebt. «Ich würde mich von dem leiten lassen, was in der konkreten Situation richtig ist. Und das auch tun, intuitiv und in Absprache mit meinem Chef, Gott», sagt Häfliger. Am Papier der Bischöfe könne  er «sich orientieren».

Urs Corradini, Leiter des Pastoralraums Mittleres Entlebuch, räumt ein, dass er «ein Problem» damit hätte, einen Menschen zu begleiten, der sich für den Tod mit einer Sterbehilfeorganisation entschieden habe. «Es liegt mir fern, jemanden zu verurteilen, der keinen anderen Ausweg mehr sieht. Hingegen ist es klar, dass es die Aufgabe der Seelsorge sein muss, Menschen zum Leben zu ermutigen.» Corradini nimmt die Gesellschaft als widersprüchlich wahr: Einerseits setze man sich für die Suizidvorbeugung ein, anderseits werde kranken und alten Menschen der Zugang zu Sterbehilfeorganisationen erleichtert.

«Versöhnt Abschied nehmen»

Hier hakt Simone Rüd ein, Seelsorgerin im Alterszentrum St. Anna Luzern mit langjähriger Erfahrung als Spitalseelsorgerin. Sie plädiert für Vertrauen in die Palliative Care. «Nur ganz selten» habe sie erlebt, dass starke Schmerzen nicht behandelt werden konnten, sagt Rüd. «Die grosse Mehrheit der Patientinnen und Patienten konnte dank sorgfältig eingesetzter Schmerztherapie und oft tiefen Gesprächen mit Fachpersonen und Angehörigen versöhnt und persönlich Abschied nehmen von dieser Welt.»

Eine Erfahrung, die viele Seelsorgende teilen. Vielen geht es aber auch wie Claudio Tomassini, der beim Thema assistierter Suizid «eine unglaubliche Verantwortung als Seelsorger und Mensch» spürt, die ihn «eigentlich» überfordere. Tomassini: «Ich komme selten so an meine Grenzen.»

Dominik Thali

«Da bleiben bei Sterbenden und Familien»

Medizin und Pflege sowie psychologische, soziale und spirituelle Unterstützung sollen ein Leben und Sterben in Würde ermöglichen: Dafür setzen sich die Kirchen im Kanton Luzern ein. Gregor Gander leitet deren Fachstelle Palliative-Care-Seelsorge, die seit 2017 besteht. Damit nähmen die Kirchen ihren Auftrag wahr, «Menschen in schwierigen Momenten verlässlich zu begleiten, da zu bleiben, bei den Sterbenden, den Familien und Freunden», sagt Gander.
Das schliesst für ihn nicht aus, auch Menschen zu begleiten, die freiwillig aus dem Leben scheiden. Die Kirche solle nicht Entscheide einzelner Menschen beurteilen, sondern an einer solidarisch-sorgenden Gesellschaft mitgestalten. «Verbunden-Sein und Autonomie bilden aber keine Gegensätze. Leben ist miteinander leben, Sterben miteinander leben bis zum Ende», zitiert Gander den deutschen Theologen, Philosophen und Soziologen Andreas Heller von der Universität Graz.

Bild: Gregor Gander
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Die bischöfliche «Orientierungshilfe»

Wie sollen Seelsorgerinnen und Seelsorger Menschen begleiten, die mithilfe einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben scheiden wollen? Die Bischofskonferenz hat dazu im Dezember eine «Orientierungshilfe» herausgegeben, «Seelsorge und assistierter Suizid».
In Teil 1 machen die Bischöfe eine sozialethische Auslegeordnung zum aus ihrer Sicht «gesellschaftlich aktzeptierten assistierten Suizid». Niemand, nicht einmal eine Person für sich selbst, dürfe über den Wert eines Lebens urteilen, um ihm ein Ende zu bereiten.
Teil 2 geht auf die seelsorgliche Begleitung ein. Christinnen und Christen müssten sich zwar auch zu jenen Menschen begeben, die sich am Rand des Lebens befänden. Im Moment des Suizids hätten Seelsorgende aber die Pflicht, das Zimmer zu verlassen.
Teil 3 schildert Fälle, in denen sich Seelsorgende befinden können und stellt «Hilfen» dazu vor.

Reformierte Seelsorge reicht «bis zum Sterben»

Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz hat, anders als auf katholischer Seite die Bischofskonferenz, zum Thema Seelsorge bei assistiertem Suizid noch nicht Stellung bezogen. Allerdings hat das Positionspapier «Solidarität bis zum Ende» des Synodalrats der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn vom Juni 2018 die Diskussion dazu angekurbelt. Es habe Widerspruch dazu gegeben, stellt der reformierte Luzerner Synodalrat Florian Fischer fest, das Papier sei aber aber von vielen anderen Landeskirchen «sehr wohlwollend aufgenommen» worden.

«Solidarität bis zum Ende» hält zwar fest, assistierter Suizid könne «aus biblisch-theologischer Sicht keine Option» und «immer nur Grenzfall, nie der Normalfall» sein. Es gebe allerdings auch keinen Zwang, Leben zu müssen. Das Papier zitiert dazu den Theologen Dietrich Bonhoeffer: «Wer nicht mehr leben kann, dem hilft auch der Befehl, dass er leben soll, nicht weiter.» Es müsse akzeptiert werden, dass es Situationen gebe, in denen für Menschen die Güte des Lebens im Dunklen liegt. Die Frage des Mitgehens bis zum Schluss ist aus Sicht der Reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn klar. «Auch im Zusammenhang mit begleiteter Selbsttötung stellt seelsorgliche Solidarität keine Bedingungen», heisst es in dem Papier. Und: Die kirchliche Seelsorge reiche auch im Fall eines assistierten Suizids «bis zum Sterben. Pfarrerinnen und Pfarrer sollen Menschen, die sie begleiten, auch im schwierigsten Moment, dem Akt der Selbsttötung, Beistand leisten, wenn diese es wünschen.» Dazu könne aber niemand verpflichtet werden; in jedem Fall gelte «besonders an dieser Stelle» das Recht auf den freien Gewissensentscheid».