Kirche ist, wo Menschen leben und sich begegnen. Im Sommer also auch auf der Alp. Im Entlebuch macht sich der reformierte Pfarrer mit dem Töff zu ihnen auf den Weg, und seine katholischen Kollegen segnen die Alpen. Was beide wollen: Anteil nehmen, ein Stück Leben teilen.

Auf der Alp Oberwisstanne ist die Kirche weit weg. Der Himmel dafür umso näher. Hier, auf 1507 Metern Höhe, verbringen Margrit (56) und Benz Fink (55) seit vielen Jahren den Alpsommer. Heuer mit 11 Kühen, 30 Guschti, 15 Kälbern – und 2 Eseln. Im Rücken der Alphütte ragt der Böli hoch, ein Zipfel der Schrattenfluh, nach vorne verliert sich der Blick in der Entlebucher Bergwelt.

«Die Leute dort besuchen, wo sie sind»

Die Oberwisstanne ist eine von 45 Alpen in Flühli, der grössten Gemeinde des Kantons. Erst vor 20 Jahren wurde sie mit einer Strasse erschlossen. An diesem Morgen ist Marcel Horni (62) diese hochgefahren. Jetzt legt er den Helm ab und den mitgebrachten Kuchen auf den Stubentisch. Marcel, gesiezt werden hier nur die hohen Herren, ist Pfarrer in Escholzmatt, drei Jahre nun schon und zuständig fürs obere Entlebuch, 1200 Reformierte. Das Motto der feiernden Landeskirchen, «Kirche kommt an», ist für ihn selbstverständliches Programm: «Man muss die Leute doch dort besuchen, wo sie sind», sagt er. Im Sommer sei das nun mal bei vielen Bauern und Bäuerinnen auf der Alp. Am liebsten ist er dorthin mit dem Töff unterwegs. Weil er damit überall durch- und – vor allem – besser ankommt. «Anders jedenfalls, als wenn ich in den Halbschuhen käme», hat Marcel schon erfahren. «Die Menschen sind offener und nehmen sich mehr Zeit.» Wotsch es Kafi?, heisse es oft schon bald.

Wie heute bei den Finks. Margrit tischt Währschaftes auf, schenkt ein und nach. Das Gespräch dreht sich um das Leben, um den Alltag auf der Alp also ebenso wie den Wald oder die Mutter im Altersheim. Und die Kirche. Benz sagt dazu keine langen Sätze. Die Kirche sei «etwas, das es einfach braucht», meint er, irgendwo müsse man schliesslich Halt finden, gerade wenn etwas passiere. Sie seien beide keine grossen Kirchgänger, fügt Margrit an, «aber einen Glauben haben wir natürlich trotzdem». Sie stammt vom Kemmeriboden, er aus dem Emmental; nach mehreren Pachten im Bernbiet konnte die reformierte Familie vor 16 Jahren einen Betrieb in Sörenberg erwerben.

«Das schätzen wir»

Der Pfarrer in seiner Töffkluft hört zu, nickt dann und wann. Seine Aufgabe sieht er darin, Anteil zu nehmen, mit den Menschen ein Stück Leben zu teilen. Die Alp-Besuche sind eine Gelegenheit dazu. Anteil nehmen: Er und die Mitglieder des Kirchenvorstands bringen aus diesem Grund auch das Glas Honig, das die Kirchgemeinde jeweils im Advent den über 75-Jährigen schenkt, am liebsten persönlich vorbei. Seine Wahrnehmung der Welt um ihn habe sich durch diese Seelsorgebesuche «extrem verändert», stellt Marcel fest. Wind und Wetter hätten hier im Bergbauerngebiet eine andere Bedeutung als im Unterland. «Und in den Ferien fotografiere ich bereits schöne Kühe.»

Benz und Margrit nicken. Dass der Pfarrer, den sie sonst kaum je treffen, «alle gleich behandelt, auch wenn sie so näbedusse wohnen», freue sie, sagt Benz. «Das schätzen wir sehr.»

Dominik Thali

© 2020 Roberto Conciatori

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Segensreiche Besuche auf den Alpen

Viele Seelsorgerinnen und Seelsorger besuchen im Sommer in ihren Gebieten die Älplerinnen und Älpler. Urs Corradini etwa, das katholische Gegenüber von Marcel Horni und Pastoralraumleiter im mittleren Entlebuch, nimmt sich jedes Jahr etliche Tage Zeit, um die Alpen zu segnen – natürlich auch jene von reformierten Älplerinnen und Älplern. Es ergebe sich meistens ein Gespräch, berichtet er, «dann beten wir miteinander und ich spende den Alpsegen». Den Segen mit einem Bibeltext bringt Corradini ausgedruckt mit und gibt ihn den Älplerinnen und Älplern, die ihn oft in der Stube aufhängen. Das Seelsorgeteam legt für diese «sehr schöne Aufgabe» (Corradini) weite Wege zurück. Manche Alpen sind nur von Berner Kantonsgebiet her erreichbar, vom Kemmeriboden.

Und was hältst du von der Kirche? Wie kommt Kirche bei dir an? Dieser Kurzfilm, der zum Jubiläumsjahr der Luzerner Landeskirchen 2020 entstanden ist, lässt Menschen zu Wort kommen, die wir auf der Strasse getroffen haben.

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Credits
Produziert von Team Tumult
Regie: Beni Morard
Konzept: Beni Morard / Fleur Budry
Interviews: Fleur Budry
Storyboard & Schnitt: Beni Morard
Design: Beni Morard, Nina Christen
Animation: Beni Morard, Frederic Siegel
Sounddesign & Mischung: Etienne Kompis

Die Organisation Notfallseelsorge/Care Team ist wie ein Rettungsboot. Seine Besatzung kann das Schlimme nicht ungeschehen machen. Aber da sein, zuhören. Gedanken und Gefühle ordnen. Lebenshilfe im oft löchrigen sozialen Netzwerk der Menschen, von den Kirchen mitgetragen.

«Manchmal ist weniger mehr», sagt Care Giverin Alexandra Felder und erzählt von einer Familie, zu der sie nach einem Suizid gerufen wurde. Als jemand den Abschiedsbrief des verstorbenen Mannes verlas, wollten sie und ihre Teamkollegin sich zurückziehen: Das war ihnen zu persönlich. Doch die Frau bat darum, zu bleiben. Als Felder sie einige Zeit später zufällig traf, dankte die Frau ihr – für das Dasein, fürs Zuhören. «Sie sagte mir, sie habe ihre Familie in dem Moment nicht ertragen, sie sei ihr zu nahe gewesen», erzählt Felder.

«Wahrnehmen, was gerade wichtig ist»

Alexandra Felder hat einen medizinischen Beruf erlernt und ist heute als Radioreporterin tätig. Seit sieben Jahren gehört sie der Organisation Notfallseelsorge/Care Team im Kanton Luzern an und rückt aus, wenn Menschen in Not Hilfe brauchen – bei plötzlichen Todesfällen, bei Unfällen oder Naturereignissen, beim Überbringen einer Todesnachricht; 2019 war das 90 Mal der Fall. «Wahrnehmen, was dann gerade wichtig ist, nach dem Bedürfnis fragen, nicht selbst wissen wollen, was gut täte: das ist der Schlüssel», sagt Christoph Beeler. Er leitet die Notfallseelsorge seit gut fünf Jahren, ein Team von derzeit 37 Mitarbeitenden. Beeler, einer der nur sechs Seelsorgenden darunter, leitet beruflich den Pastoralraum Oberseetal. Wichtig auch: «Man darf selbst zwar betroffen sein, sich aber nicht beteiligen lassen», sagt Brigitte Dubacher, pensionierte Polizistin und seit der Gründung im Team. Es brauche Distanz, um handlungsfähig zu bleiben.

Notfallseelsorgende und Care Givers helfen den Betroffenen, ihre Gefühle und Gedanken zu ordnen und zeigen ihnen auf, wo sie weitere Hilfe holen können. Längstens nach vier Stunden sind sie wieder weg. «Wir sind immer nur ein Provisorium und niemals Teil der Schicksalsgemeinschaft», betont Beeler. Er stellt aber zunehmend fest, dass Betroffene kaum ein soziales Netzwerk und niemanden haben, der sie in der Not auffangen könnte. Die Notfallseelsorge erhält auch Aufgebote, die keine eigentlichen Care-Einsätze sind und früher von den ortsansässigen Pfarrämtern übernommen wurden. Die kirchliche Verbundenheit schwindet.

Die Wirklichkeit hilft, zu verstehen

Die Notfallseelsorge füllt deshalb eine wichtige und grösser werdende Lücke. Care Giverin Nicole Blättler stellt das zum Beispiel fest, wenn es darum geht, sich von einer verstorbenen Person zu verabschieden. «Dies ist einerseits ein grosses Bedürfnis, anderseits fürchten sich manche Angehörige vor dem Anblick, wenn etwa jemand verunfallt ist.» Hier gehe es darum herauszuspüren, was zumutbar sei. «Das letzte Bild», wie Blättler sagt, sei wichtig für die Verarbeitung; die Wirklichkeit helfe zu verstehen. Als Pflegefachfrau und Bestatterin hat Blättler viel Erfahrung damit.

Glaube und Religion stünden in der Notfallseelsorge nicht im Vordergrund; «wir leisten notfallpsychologische, nicht spirituelle Hilfe», sagt Christoph Beeler. Die Kirche als Mitträgerin ist für ihn in dieser Aufgabe eine Organisation, die Hilfe leistet in der Gesellschaft, ohne Mission und Zwang. Seelsorgerin, Seelsorger sei im übrigen jeder, der sich der christlichen Botschaft einigermassen nahe fühle. Den barmherzigen Samariter aus der Bibel nennt er als Beispiel dafür.

Dominik Thali

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Kirchen und Staat in gemeinsamer Verantwortung


Die ökumenische Notfallseelsorge besteht seit 2002; 2012 schloss sie sich mit dem Care Team Zentralschweiz zur Organisation Notfallseelsorge/Care Team Luzern zusammen. Sie zählt rund 40 Mitarbeitende, wovon sechs kirchliche Mitarbeitende sind. Notfalleseelsorgende und Care Givers sind über ihre Arbeitgeber entschädigt, die Erwerbsausfall-Entschädigung (EO) erhalten. Geleitet wird die Organisation von Christoph Beeler, Pastoralraumleiter im Oberseetal, und Thomas Seitz (Luzern).
Die Organisation Notfallseelsorge/Careteam wird gemeinsam getragen von den drei Luzerner Landeskirchen und dem Kanton. Im Notfall wird sie vom Rettungsdienst 144, der Polizei oder Feuerwehr aufgeboten.

«TheaterFlucht» ist ein spielerisches Inklusionsprojekt, das Kinder aus Migrationsfamilien und Schweizer Kinder zusammen auf die Bühne bringt. Es ist eines von mehreren Projekten von «Trau fremdem», einer Idee, mit der die beiden Landeskirchen Themen rund um Flucht, Migration, Asyl, Fremdsein usw. den Menschen im Kanton Luzern näher bringen und so dazu beitragen wollen, dass die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund als Bereicherung für das Zusammenleben stattfinden kann.

In den Herbstferien dieses Jahres wurde «TheaterFlucht» zum achten Mal in Luzern durchgeführt. Das Thema diesmal: Suchen und finden. Suchen mussten die 25 Kinder und die internationalen Freiwilligen des SCI (Service Civil International) Schweiz nicht lange. Sie fanden schon am ersten Tag der Projektwoche eine gemeinsame Sprache, auch wenn es keine verbale war. So wurde eine Woche lang getanzt, gesungen, musiziert, gemalt und gelacht. Es wurde mit Kartonkisten experimentiert und Geschichten erzählt. So entstand eine szenische Arbeit, welche die Kinder selbst entwickelten und Ende der Woche einem Publikum zeigten. Es entstanden aber auch Freundschaften zwischen Kindern, diesich sonst wohl nicht begegnet wären. «TheaterFlucht» ist ein spielerisches Inklusionsprojekt, das nicht auf Worte angewiesen ist. In dem Kinder suchen, forschen, sich ausprobieren dürfen und dadurch Gemeinsamkeiten finden.

«TheaterFlucht» wird an verschiedenen Orten in der Schweiz auf unterschiedliche Art und Weise durchgeführt. Die Reformierte Kirche Kanton Luzern hat das Projekt in der Stadt Luzern mitinitiiert und unterstützt es auch finanziell.

Anna Gallati, Projektleiterin, und Oliver Merz, Leiter Fachstelle OeME der ref. Landeskirche

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So verbindet Kirche Menschen: Am Fest der Nationen in Nebikon erfüllte ein vielfarbiges Stimmengewirr den Kirchplatz, begleitet von Essensdüften aus aller Welt. Das Dorf begab sich am Sonntag (18. August 2019) zum zweiten Mal «Mit dem Gaumen auf Kulturreise».

«Wir haben verschiedene Religionen, und trotzdem seid ihr heute alle hier», begrüsst Pfarreileiter Markus Müller die Kirchenbesucherinnen und -besucher. Es ist Sonntagmorgen, 10 Uhr – wie gewöhnlich. Doch heute ist alles etwas anders, bunter und lauter: Nebikerinnen und Nebiker mit albanischer, russischer oder schweizerischer Abstammung treffen sich zur interreligiösen Wortfeier. Klein und Gross, Jung und Alt – sie alle haben in den hölzernen Kirchbänken Platz gefunden. Tragen ihre Wünsche und Hoffnungen in sieben verschiedenen Sprachen vor Gott. Lachen, singen, klatschen und basteln. Die Kinder kleben mit Hilfe einiger Jublaleiterinnen selbstgemalte Stoffstücke zu einem grossen Tuch zusammen, das nun den Altar schmückt. Ein kunstvolles Ganzes aus vielen kleinen Teilen, symbolisch für den Anlass selbst: «Es ist genauso vielfarbig und bunt wie unsere Gemeinschaft», meint Markus Müller.

Bananenbällchen und Pfannkuchen aus Russland

Die Feierlichkeiten werden anschliessend nach draussen verschoben, auf den Kirchplatz unter der Linde. Dort spendet der grosse Baum willkommenen Schatten, während zehn Essensstände mit verführerischen Düften locken. «Mit dem Gaumen auf Kulturreise» heisst das grosse Fest der Nationen. Da gibt es Frühlingsrollen, frittierte Bananenbällchen und Chügelipastetli zu probieren. Dem siebenjährigen Andrin haben es die russischen Pfannkuchen besonders angetan: Bereits zum dritten Mal wartet er mit seinem Vater auf Nachschlag. «Als Familie schätzen wir das Engagement für solche Feste sehr», meint Lukas Koller.

«So macht Kirche Freude»

Worte wie diese freuen OK-Mitglied und Pfarreirätin Ursula Grob. Vor zwei Jahren rief der Pfarreirat das Fest der Nationen ins Leben. «Wir wollten die Kirche raus- und die Leute in die Kirche bringen», erklärt Ursula Grob. Die Mission scheint geglückt: «So macht Kirche Freude», bekam das Organisationsteam häufig zu hören. Heute ist «Mit dem Gaumen auf Kulturreise» ein gemeinschaftliches Projekt mit dem Elternrat, der Kontaktnetzgruppe und der Jubla Nebikon. Ein wahrer Genuss, findet Ursula Grob: «Unglaublich viele Menschen helfen motiviert mit.»

Eine dieser Helferinnen ist Maria Dias. Vor 29 Jahren kam sie von Portugal in die Schweiz – ohne Deutschkenntnisse oder Ansprechpersonen. Doch Maria Dias besuchte einen Deutschkurs, suchte den Kontakt. Mittlerweile ist sie Mitglied des Pfarreirats und gestaltet den Nebiker Kirchenalltag aktiv mit. «Das Zusammensein und der Austausch im Rat tun mir gut. Hier fühle ich mich zuhause.» Ihr altes Zuhause teilt Maria Dias am Fest der Nationen mit anderen; mithilfe von guten Worten, viel Lachen und köstlichen Kokosküchlein.

«Die Kirche macht sehr viel fürs Dorf»

Während die älteren Generationen noch beim Dessert sitzen, vergnügen sich die Jüngeren beim Königsschach oder Frisbee-Spielen mit den Leiterinnen und Leitern der Jubla Nebikon. Diese haben bereits die Essensstände fürs Fest aufgestellt und helfen nun bei der Kinderbetreuung. «Die Kirche macht sehr viel fürs Dorf», meint Scharleiter Reto Burri: «Da sind wir gerne mit dabei.» Dann wendet er sich wieder dem Königsschach zu. Die Sonne scheint, die Stimmung ist gut, der Hunger gestillt; vor dem Aufräumen liegt bestimmt noch die eine oder andere Partie drin.

Anna Mirjam Graf

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