Am 20. Mai war Premiere. Der Animationsfilm «Kirche kommt an» ging mit Erfolg an die Öffentlichkeit und sorgte nach all den Terminabsagen für ein bisschen Jubiläumsstimmung. Was hinter dem Projekt steckt und welches die Highlights eines Animationsregisseurs sind, das verrät der Rückblick auf den künstlerischen Prozess.

Klar war, dass es einen Film geben wird. Wie dieser aussehen und was darin eigentlich passieren sollte, war offen. Verschiedene Ideen und Vorstellungen kursierten, alles nur sehr vage. Klar war aber auch, mit wem der Auftrag realisiert wird: Team Tumult, ein Animationskünstler*innen-Kollektiv aus Zürich, sagte Ja zum Projekt. Es folgte ein erstes Treffen. Ein paar Gedanken. Austausch. Ja, gut, so fahren wir weiter, ein Zeitplan wurde erstellt. Da war es noch Sommer 2019. Am 20. Mai 2020 sollte der Film Premiere feiern, am Treffen der beiden Synoden zum 50-Jahre-Jubiläum der beiden Landeskirchen. Heute wissen wir, dass alles anders kam.

Ein Plädoyer für Umwege

War der Film ein Experiment? Ja, aber Beni Morard von Team Tumult sieht das nicht als Problem. «Es ist ja bei jedem Film anders.» Es gebe natürlich immer gewisse Schemata, an die man sich halten könne. Die Gefahr bestehe dann darin, dass man anfange, gewisse Punkte zu überspringen. Zum Beispiel die Brainstormingphase, weil man denke, man wisse, was es braucht. Das sei bei diesem Filmprojekt nicht passiert. «Wir haben uns wirklich Zeit gelassen, um auszuprobieren», pflichtet Morard bei. Zu Beginn gab es die Idee eines Scripts. Der Plot des Films ward gesucht. Nach einem bereichernden Hin und Her zwischen der Arbeitsgruppe der Landeskirchen, der Projektleiterin und Beni Morard kristallisierte sich heraus, dass die Leute auf der Strasse diesen Plot bestimmen würden.

Raus auf die Strasse

Mit dem Mikrofon auf der Kamera ging es also durch den Kanton Luzern auf Stimmenfang. «Welches Bild von Kirche hast du?», lautete die Einstiegsfrage ins Gespräch. Das waren schöne Begegnungen, berührende Momente, lustige auch, und die Menschen sehr offen und ehrlich. Zurück im Büro wurde geschnipselt und die Sätze wie ein Puzzle aneinandergereiht, zusammengelegt. Und plötzlich war eine Geschichte spürbar. Hörbar. Der Stimmenteppich ging weiter zu Team Tumult. «Als ich die Tonaufnahmen hatte, ging für mich der kreative Prozess richtig los», sagt Beni Morard. Er fing an, den Ton zu schneiden. Und dazu machte er sich die ersten Bilder im Kopf.

Ausschnitt aus dem Film «Kirche kommt an» | © 2020 Team Tumult

Das Schneiden nennt Morard eines der Highlights während der Produktion. Wenn auch das Storyboard gemacht ist, kann alles zusammengesetzt werden. «Dann hast du sozusagen die Blaupause deines Films. Das ist ein toller Moment.» Dann ging es an die Umsetzung. Die Figuren zu den Stimmen sind erfunden. Morard hat ihnen ein Gesicht gegeben, einen Charakter eingeflösst. (Allein die Situation mit dem Mann, der seinen Traktor auftankt, die hat wirklich so stattgefunden. Die konnte man nicht besser erfinden.) Ein weiteres Highlight sei der Moment, wenn er die Figuren zum ersten Mal in bewegten Bildern sehe, wenns ans Handwerk gehe: «Also wenn ich animiere.» Morard hat bei diesem Projekt gleich mehrere Jobs gemacht, war in der Produktion und als Regisseur tätig. «Als Animationsregisseur bin ich eigentlich der mit der kreativen Mission. Ich muss vor dem inneren Auge schon sehen können, wie es am Ende aussehen kann.»

Fleur Budry

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Und was hältst du von der Kirche? Wie kommt Kirche bei dir an? Dieser Kurzfilm, der zum Jubiläumsjahr der Luzerner Landeskirchen 2020 entstanden ist, lässt Menschen zu Wort kommen, die wir auf der Strasse getroffen haben.

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Credits
Produziert von Team Tumult
Regie: Beni Morard
Konzept: Beni Morard / Fleur Budry
Interviews: Fleur Budry
Storyboard & Schnitt: Beni Morard
Design: Beni Morard, Nina Christen
Animation: Beni Morard, Frederic Siegel
Sounddesign & Mischung: Etienne Kompis

Von Normalität kann gerade nicht die Rede sein. Vielleicht rückt sie aber durch die aktuelle Corona-Krise wieder in ganz andere Relationen. Solidarität ist wieder sichtbar, erlebbar. Sie ist notwendig: Wir sind aufeinander angewiesen. Apocalypse not now. Die Welt dreht sich weiter. Ostern findet statt. Alles ist anders. Ein Blick auf die Kirche in ausserordentlichen Zeiten.

Bei kirchlichen und seelsorgerischen Angeboten ist nun Umdenken gefragt. Social Distancing fordert heraus, was bisher selbstverständlich war. «Kirche findet anders statt», so Ulf Becker, Synodalrat der Evangelisch-Reformierten Landeskirche des Kantons Luzern. «Und auch die Seelsorge findet anders statt. Viele Menschen verlassen ihre Wohnungen nur für das Allernötigste und die sozialen Kontakte sind auf ein Minimum reduziert. Viele können gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt arbeiten. Das kann zu Vereinsamung, Spannungen, zu psychischem und finanziellem Druck führen. Auch die Sorge um die eigene Gesundheit und Angst vor der Zukunft belasten. Hier leisten die Kirchgemeinden wichtige Unterstützung mit der Möglichkeit eines vertraulichen Gespräches», meint Becker, der selbst Pfarrer in Reiden ist. «Auch Gottesdienste im Fernsehen oder im Internet spenden Lichtblicke und Trost. Sie können Halt geben, auch wenn wir uns nicht im selben Raum versammeln können. Das ist besonders in Krisenzeiten wichtig.»

Jetzt gehe es darum, andere Formen von Begegnung zu schaffen, «um Freude zu bereiten und Mut zu machen», sagt Andreas Wissmiller, Pfarreileiter in Willisau. Pfarreiseelsorgerin Christine Demel tut dies zum Beispiel mit Briefen an Betagte und Telefonanrufen zu ihnen. Er erlebe die Pfarrei-Mitarbeitenden hoch motiviert, aus der Lage das Beste herauszuholen, sagt Wissmiller. «Es braucht einfach Phantasie, Kreativität und viel Kommunikation.»

Von den positiven Beispielen einer «Seelsorge der anderen Art», wie sie nun überall im Kanton Luzern Form annehmen, darf man sich inspirieren lassen. Und vor allem: Die Kreativität hilft. Jetzt und direkt. Ob es der Mahlzeitendienst in Horw ist, der in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt wurde, Leute vom Einkaufen entlastet und gleichzeitig das lokale Gewerbe unterstützt oder die simple Mutmachseite auf der Webseite des Pastoralraums Hürntal, die vielen Jugendlichen aus Pfadi und JuBla, die sich gerade in der Nachbarschaftshilfe engagieren – all diese Angebote leben vom gleichen Gedanken: Jetzt erst recht!

Ökumenische Fernsehgottesdienste an Ostern auf Tele 1

Die ausserordentliche Lage zum Schutz vor dem Coronavirus erstreckt sich über Ostern vom 12. April 2020 hinaus. «Am Karfreitag gedenken wir Christen an das Leiden und Sterben Jesu Christi am Kreuz. Der Ostersonntag ist mit der Auferstehung der bedeutendste Festtag im christlichen Feiertagskalender. Mit der Auferstehung an Ostern setzt Gott ein starkes Zeichen, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort behalten. Ostern eröffnet Hoffnung auf neues Leben», erklärt Ulf Becker.

Kirche kommt an. Dazu gehört auch, dass möglichst viele einen Zugang zu einem Gottesdienst erhalten, und dies auch ergänzend zum Internet. Aus diesem Grund strahlen die drei Landeskirchen im Kanton Luzern sowie das Bischofsvikariat St. Viktor des Bistums Basel an Karfreitag und am Ostersonntag je einen gemeinsamen ökumenischen Gottesdienst im Fernsehen aus. Zu sehen am 10. und 12. April jeweils um 10 Uhr auf Tele 1.

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Licht der Verbundenheit

Die evangelisch-reformierte und die römisch-katholische Kirche in der Schweiz setzen in Zeiten der Corona-Krise zusammen ein Zeichen der Verbundenheit, Gemeinschaft und Hoffnung. Bis Gründonnerstag werden im ganzen Land jeweils am Donnerstagabend um 20 Uhr die Kerzen auf den Fenstersimsen entzündet. Die Menschen sind zum gemeinsamen Gebet eingeladen.

Coronavirus: Seelsorge geht weiter (SRF Tagesschau vom 18.03.2020, 19.30 Uhr)

«24 Aufsteller für die Familie», so heisst das Set, das mit 2 x 12 Karten Impulse in die Familie geben will, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Ins Gespräch über den Glauben, übers Leben. Es sind Aufsteller sowohl in ihrer Funktion als auch in ihrer Wirkung, denn die positiv formulierten Ideen bringen Farbe in den vielleicht nicht immer bunten Alltag.

Die Aufsteller sind verteilt auf zwei Sets, die Herzkarten und die Sternkarten. Mit den Sternkarten gehts durch die Fest- und Gedenkzeiten, mit den Herzkarten durch verschiedene Bereiche des familiären Zusammenlebens. Gerade die kommende Adventszeit kann als idealer Einstieg genutzt werden, die Anregungen ins Spiel zu bringen.

  • So eine Sternkarte, zum Beispiel die «Nikolaus-Karte», beschreibt einerseits die Herkunft, die Geschichte des heiligen Mannes, der heute mit weissem Wattebart und einem Sack voll Geschenken am 6. Dezember die Kinder besucht. Kurz und knapp und informativ. Neben einem «Samichlaussprüchli», einem Gebet und der Bebilderung gibts noch eine Anleitung zu einem Nussspiel oder es wird beschrieben, wie eine Mandarine auch noch gegessen werden könnte.
  • Auf einer Herzkarte heisst es zum Beispiel: «Das Leben ist ein Geschenk». Sie erklärt, warum Danke sagen so wichtig ist. Danke sagen, das geht in allen Sprachen und setzt Denken voraus. Diese Karte schärft den achtsamen Blick auf die Dinge, auf die Mitmenschen. Wiederum von einem Gebet und Bildern begleitet, ist zum Beispiel auch vom Danken ohne Worte die Rede und dass man diesem anhand eines Zeichens in der Familie Ausdruck verleihen kann. Ausprobieren, Erfahrungen machen.

Wie die Karten genutzt werden, ist völlig offen. Die Aufsteller geben vielem Raum, mit Wort und Bild regen sie verschiedene Ebenen an, lassen Perspektivenwechsel zu. Sie sind gespickt mit praktischen Informationen und Vorschlägen fürs familiäre Zusammenleben und geben ebenso spirituelle Impulse. Rituale können religiöser oder weltlicher Art sein – ganz oft verschmilzt das sogar miteinander –, wenn sie mit Überzeugung durchgeführt werden, wird es spannend, dann wird es echt.

Fleur Budry

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Aufsteller zum Bestellen

Herausgegeben werden die Aufsteller von der IG PEF-Pastoral Deutschschweiz, das ist der Verbund jener Stellen der römisch-katholischen Kirche in der Deutschschweiz, die sich mit Fragen rund um Partnerschaft, Ehe und Familie beschäftigen. Sechs Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Regionen sowie eine Illustratorin haben sich diesem Projekt gewidmet. Mehr zu den Aufstellern und zur Bestellung gibts auf 24aufsteller.ch

«Lueg, mis Scheffli esch ganz vore!» – Die jährliche Kerzensegnung zu Mariä Lichtmess wird in Greppen mit einer Tradition ergänzt: Gut zwei Dutzend Holzschiffchen schwammen am 3. Februar mit Lichtern ausgerüstet in die weite Dunkelheit des Vierwaldstättersees hinaus.

Kerzenschein erhellt die zahlreichen Gesichter in den Kirchenbänken. Viele Familien haben ihren Sonntagabend von der warmen Stube in die Kirche von Greppen verschoben. Gelegentliches Poltern und Kindergeschrei beleben das Gotteshaus. Trotzdem wird es ganz still, als sich der Kinderchor der Seepfarreien Greppen, Weggis und Vitznau auf den Stufen zum Altar aufstellt. Corina Zimmermann ist eine der Sängerinnen: Die Neunjährige hat schon mindestens vier Lichterschiff-Feiern erlebt. Beim Basteln der Holzboote lässt sie ihrer Kreativität freien Lauf – dieses Jahr hat sie ihr Dampfschiff mit Führerkabine und Piratenflagge ausgestattet. Besonders originell ist die rote Fahnengirlande: «Ich habe sie aus den alten Strumpfhosen meines kleinen Bruders ausgeschnitten», erklärt die Vitznauerin mit verschmitztem Lächeln.

Kreative Bastelarbeiten

Wie Corina haben rund 30 andere Kinder die Zeit vor dem 3. Februar mit Werkeln und Basteln verbracht. Vorgesägte Holzschiffchen – sogenannte Rohlinge – gabs bei der Pfarrei zu beziehen. Die weitere Ausstattung mit Naturmaterialien wie Holz, Baumwolle und Korkzapfen blieb den jungen Künstlerinnen und Künstlern selbst überlassen. Entsprechend säumen Konstruktionen mit blauen Streifen, Schweizerfahnen und Seitenrudern den freien Platz vor dem Altar, der zu diesem Anlass etwas nach hinten gerückt wurde. Pastoralassistent Flavio Moresino ist überwältigt: «Schön, dass ihr alle trotz Schneegestöber zu uns in die Kirche gefunden habt.»

Hoffnung in der Dunkelheit

Es ist Flavio Moresinos erste Lichterschiff-Feier. Im Gottesdienst segnet er die Kerzen fürs nächste Jahr und setzt den entsprechenden Schwerpunkt auf das Thema Licht: «Jesus selbst bezeichnete sich als das Licht der Welt. Alle Menschen, die ihm begegneten, konnten etwas von dieser Energie tanken und sie in die Welt hinaustragen. So auch Prophetin Hanna und Prophet Simeon an Mariä Lichtmess.» (siehe Kasten)

Im Anschluss an den Gottesdienst erhalten die Worte des Pastoralassistenten eine bildhafte Bedeutung: Jung und Alt stapfen mit flackernden Kerzen durch tiefen Schnee hinunter ans Seeufer. Dort entlassen Kinder, Eltern und Grosseltern die leuchtenden Schiffchen ins dunkle Nass – und mit ihnen ihre guten Wünsche und Hoffnungen.

Anna Graf

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40 Tage nach Weihnachten

Mariä Lichtmess oder «Darstellung des Herrn» geht zurück auf die Reise Josefs und Marias mit Jesus zum Tempel in Jerusalem. Traditionellerweise wurde der Erstgeborene dort Gott zur sogenannten «Erstgeburtsweihe» präsentiert. Der 2. Februar liegt 40 Tage nach Weihnachten und markiert somit das Datum von Jesus «Erstgeburtsweihe». Laut Überlieferung traf die Dreiergruppe im Tempel auf Prophetin Hanna und Prophet Simeon, wobei letzterer den Säugling als Herrlichkeit und Heil der Welt erkannte. Die heute verbreiteten Lichterprozessionen und Kerzensegnungen beruhen auf der Erzählung, Mönche eines nahegelegenen Klosters hätten Jesus auf dem Weg zum Tempel mit Kerzenlicht begleitet.

Acht Leute kommen durch Inputs zu Ritualen im Familienalltag miteinander ins Gespräch. Was zaghaft beginnt, wird immer dichter, mitunter sehr heiter, und es wird deutlich, wie wertvoll der Austausch unter Eltern für alle Beteiligten ist. Ein Beobachtungsbericht mit open End.

«Hallo Michaela.»
«Hoi Karin.»
«Jo ciao, hoi Bernadette!»
«Sali.»
«Hallo, freut mich, Elisabeth.»

Der Einstieg fiel leicht, war man doch mit dem Ritual der Begrüssung bereits mitten im Thema. «Mit Ritualen den Familienalltag gestalten», so hiess der zweite Abend für Eltern, der im Rahmen des Pilotprojekts «Getauft – und jetzt?» in der Pfarrei Römerswil angeboten wurde. «Sich in irgendeiner Form zu begrüssen, das kennen alle, es als Ritual wahrnehmen, das tun die wenigsten», meint Thomas Villiger-Brun, Mitarbeiter Fachbereich Pastoral in der Römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern, der zusammen mit der Religionspädagogin Rita Amrein-Stocker durch den Abend leitet. Von dieser Achtsamkeit handelt der Abend.

Wider das Chaos

Vielleicht ist es das Schicksal vieler Rituale: Sie verkommen zu Gewohnheiten, werden automatisiert, gehen unter. Aber sie verschwinden nicht einfach so. Darum ist es wohltuend, sie wieder einmal aufzuzählen: Kindern Gschichtli erzählen, zusammen essen, singen/beten vor dem Essen, Abschiedskuss, einen guten Morgen wünschen, Geburtstag/Namenstag feiern, Abendgebet, Gott Danke sagen, jemanden an die Tür begleiten, den Tag Revue passieren lassen, sich entschuldigen, eine Kerze anzünden für…, Weihwasser geben/nehmen, Begrüssung, Verabschiedung, zusammen anstossen.

Die Liste wird im Verlauf des Abends immer länger. Ausgelöst hat dieses Zusammentragen von Ritualen auch, dass den Teilnehmerinnen wieder bewusst wurde, was sie bereits alles machen. Wow. Stimmt ja.

In der Auseinandersetzung mit den gesammelten Ritualen kamen die Mütter und ein Vater schnell ins Gespräch auch darüber, wo diese gelingen, und wo nicht. «Beim ersten Kind war das anfangs irgendwie eine Katastrophe. Beim zweiten lief es dann einfach», erinnert sich eine Teilnehmerin. «Ja, man sollte gleich beim dritten Kind anfangen», kontert eine andere, und die Stimmung wird immer lockerer, vertrauter auch. Als Familie muss erst ein Weg gefunden werden, Rituale in den Alltag zu integrieren und vor allem: die passenden zu finden. «Die ganze Theorie ist ja nett, aber bei mir in der Praxis sieht das ein bisschen anders aus. Manchmal geht es einfach nicht.» Fast schon ein bisschen erleichtert ist eine Mutter nach dieser Meldung. Und alle stellen fest: Chaos im Alltag gibt es halt auch.

Eine Mutter von bereits erwachsenen Kindern kann dann wieder beschwichtigen, dass die Familie ja mit der Zeit wachse, auch zusammenwachse, sie wird gefestigter, und dabei können Rituale unterstützend wirken. «Rituale bilden dank ihrer entschleunigenden Wirkung einen Kontrast im oft so hektischen Alltag», sagt Rita Amrein-Stocker. «Wir müssen selbst eine Sprache finden für das, was passiert, für das Unerklärbare, für das Göttliche.» Kinder können uns dabei helfen, diese Sprache zu entwickeln, Zeichen zu finden. Denn Kinder fragen einfach, sind direkt.

Familienrat

Freitagabend. Bei Familie Amrein-Stocker war das die Zeit für den gemeinsamen Wochenrückblick. Über die Woche hinweg konnten Themen und Anliegen auf Zettel geschrieben und in den Familienrat-Briefkasten geworfen werden. Diese Themen wurden dann gemeinsam angegangen, diskutiert, es wurde über Entscheidungen verhandelt, ein «Das stört mich, weil…» hatte genau so Platz wie «Nachfreuen».

Auch bei Villiger-Bruns gabs den Rat. Auf einer Wandtafel wurden die Themen zusammengetragen. «Dürfen wir über alles hier im Familienrat beschliessen?», fragten die Kinder eines Tages. Und ja, weil das die Idee dieser Treffen ist, wurden die Eltern mit 3:2 überstimmt und der Fernseher kam ins Haus. Mit Regeln zu dessen Nutzung natürlich.

Mit dem Familienrat geben Rita Amrein-Stocker und Thomas Villiger-Brun einen nächsten Input in den Abend. Aus eigener Erfahrung sprechend, konnten sie die hierfür wichtigen Punkte für die Umsetzung herausfiltern: «Die Regelmässigkeit solcher Treffen ist wichtig», betont Villiger-Brun. Weiter gelte es, den richtigen Zeitpunkt zu finden, an dem sich die Familie (z.B. wöchentlich) trifft. So wird der Familienrat zum verbindlichen Termin. Und bitte, ein bisschen Atmosphäre schaffen. Da ist es leichter, ins Gespräch zu kommen.

Mitsprache und Schutz sind zwei weitere Stichworte, die für einen funktionierenden Familienrat mitbedacht werden müssen. Er soll dem Alter der Kinder angepasst sein, soll nicht überfordern, sondern das Verständnis füreinander fördern. Das ist wie mit dem Joghurtregal im Supermarkt: Anstatt das dreijährige Kind direkt vor dem Regal zu fragen, welche Sorte es denn gerne hätte, suchen sich die Eltern besser drei bis fünf Sorten aus und lassen das Kind zuhause am Kühlschrank wählen.

Fleur Budry

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Rituale


Aus dem Lateinischen ritu (nach Art, wie) stammend, definiert das Ritual eine Grundordnung (festgelegtes Zeremoniell). Es kann von weltlicher oder religiöser Art sein. Ein Ritual braucht einen wiederkehrenden Ablauf und hat symbolische Bedeutung, ist also mehr als eine Gewohnheit. Religiöse Rituale weisen über sich hinaus (z.B. Kerze anzünden, um an jemanden zu denken) und helfen, Übergänge zu gestalten. Sie geben Sicherheit im Alltag und stiften sowohl Identität als auch Gemeinschaft. Rituale verbinden uns – auch mit Gott.


Buchtipp

Monika Arnold: «Religiöse Rituale geben Vertrauen und Geborgenheit – Für den Alltag mit Kindern von 0 bis 3», Don Bosco Verlag 2017, ISBN 978-3-7698-2321-9

«Rituale sind gleichbleibende und sich wiederholende Abläufe und Handlungen, die Kindern Verlässlichkeit, Orientierung und Sicherheit vermitteln. Überdies fördern religiöse Rituale die Persönlichkeitsentwicklung und unterstützen die Entwicklung einer spirituellen Kompetenz», schreibt der Don-Bosco-Verlag über dieses Praxisbuch. «Es bietet Rituale zu den Ereigniszeiten des Tages: Morgenkreis, Wickeln, Essen, Schlafen – Aufwachen, Verabschieden; entwicklungsbezogene Rituale zur Körperwahrnehmung und Identität, sowie Rituale zu den Festen im Jahreskreis. Enthalten sind auch 16 Lieder und Liedrufe, die als mp3-Dateien heruntergeladen werden können.»

Kinder ihre Vorstellung über die magische Welt erzählen lassen, sie achten und ihre Gefühle ernst nehmen: Das alles sind Bestandteile der spirituellen Erziehung. Theologe Anton A. Bucher erklärt die Kinderspiritualität – und wie sie sich im Laufe des Lebens weiterentwickeln kann.

Wer Kinder beim Spielen in der Natur beobachtet oder mit ihnen über Gott und die Schöpfung spricht, der spürt: Sie scheinen irgendwie näher dran am Kosmos zu sein. Die ersten Jahre ihres Lebens sind geprägt vom Staunen und von der Fähigkeit, sich die Welt in einem ganz eigenen Tempo zu erschliessen. Kinder erkunden mit allen Sinnen und dort wo diese nicht reichen, vertrauen sie auf Glauben und Fantasie.

«Kinder sind spirituelle Wesen», sagt der Schweizer Theologe und Pädagoge Anton A. Bucher katholisch.de. Und zwar im heutigen Sinne des Wortes. Früher sei Spiritualität gleichbedeutend mit kirchlicher Frömmigkeit gewesen, etwa wenn Ordensfrauen den Rosenkranz beteten. Unter spiritueller Erziehung habe man klassische Religionspädagogik verstanden. «Kinder lernten Beten und den Katechismus auswendig, nahmen an religiösen Handlungen teil und gingen in die Kirche», so der Autor des Buches «Wurzeln und Flügel. Wie spirituelle Erziehung für das Leben stärkt».

Heute werde der Begriff Spiritualität weiter gefasst, erklärt Bucher. «Er steht für eine Verbundenheit des Menschen mit der Natur, dem Kosmos, mit der sozialen Mitwelt, bis hin zur Menschheit als eine einzige grosse Familie. Und schliesslich mit einem höheren, transzendenten Wesen, in unserer Tradition Gott.» Kinder fühlen sich mit der Natur und ihren Mitmenschen verbunden und können leicht an übernatürliche Wesen glauben. «Anders als Erwachsene vermögen sie ihre Umgebung zu beseelen», sagt der Theologe, der selbst Vater von sechs Kindern ist.

Spirituell zu erziehen heisst, Kindern zuzuhören, wenn sie von ihren Vorstellungen über die magische Welt erzählen, sie zu achten und ihre Gefühle ernst zu nehmen. So fasst es Benediktinerpater Anselm Grün im Interview mit dem Elternportal «Spiel und Zukunft» zusammen.  Gemeinsam mit dem Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge hat er das Buch «Kinder fragen nach Gott. Wie spirituelle Erziehung Familien stärkt» geschrieben und wie auch Bucher sind beide der Meinung: «Spirituelle Erziehung soll die Verbundenheit von Kindern stärken.»

«Spiritualität in der Erziehung entlastet Eltern»

Etwa durch warmherzige familiäre Beziehungen von Beginn an. «Indem Eltern ihr Kind zum Beispiel zärtlich tragen, statt es im Wagen vor sich herzuschieben», so Bucher. Gemeinsame Ausflüge in die Natur, die Pflege eines Haustiers, familiäre Rituale, gemeinsames Beten und Feiern der Feste im Kirchenjahr, respektvolle und einfühlsame Freundschaften – all das fördere Verbundenheit. Erziehungsberater Rogge betont auch den wertschätzenden Umgang der Erziehenden mit sich selbst. «Die Bereitschaft der Eltern, nicht perfekt zu sein, ist für mich eine wichtige Zutat für Spiritualität. Kinder wollen geerdete Eltern, die zu sich und ihrem Handeln stehen.»

«Spiritualität in der Erziehung entlastet Eltern. Sie gibt ihnen das Vertrauen, dass sie aus einer Quelle schöpfen, die weit mehr ist, als das Wissen um Dinge», betont Grün. Und doch unterscheide sich der elterliche Glaube von dem ihrer Kinder. «Wachsen Kinder heran, ändert sich ihre Gottesvorstellung», so Bucher. Der starke Mann mit Bart, der von oben herabschaut, wird abgelöst durch symbolische Vorstellungen, etwa Gott als Licht, als Liebe. «Die Fähigkeit, Verbundenheit zu spüren, kosmische Geborgenheit, kann aber ein Leben lang gleichbleiben», erklärt Bucher. «Anders als Kinder können Erwachsene bewusst einen meditativen Weg beginnen, in sich schauen, tief über sich selbst nachdenken.»

Wie wichtig ist die Spiritualität der Eltern? «Sie kann der kindlichen Entwicklung förderlich sein», so Bucher. Untersuchungen belegten: Spirituelle Mütter stillen ihre Kinder häufiger und länger, sie schenken ihnen eine noch tiefere Geborgenheit. Spirituelle Väter bringen sich mehr ein, in die Erziehung des Kindes und die gemeinsam gestaltete Zeit ist ihnen wichtiger. Hinzu kommt, dass Kinder von Modellen lernen. «Wenn sie ihre Eltern als fürsorglich erleben, als tierliebend, als engagiert für die Umwelt, nehmen sie vieles davon auf. Besonders beeindrucken kann es Kinder, wenn sie ihre Eltern sehen, die in einem tiefen Gebet versunken sind.»

Die Verbundenheit ihrer Kinder mit dem Göttlichen können Eltern vertiefen, indem sie ihnen entsprechende Geschichten erzählen, empfiehlt Bucher. Etwa die Bibelgeschichte von Josef, in der es immer wieder heisst: «Und Gott war bei ihm.» Was jedoch, wenn Eltern atheistisch sind? Anke und ihr Mann Ralf sind beide Naturwissenschaftler*in und während Ralf gar nicht mehr an Gott glaubt, hat Anke grosse Zweifel an seiner Existenz. Am Abendbrottisch bekommt die siebenjährige Tochter Malou die Gespräche ihrer Eltern mit und sagte kürzlich zu einer Freundin: «Gott gibt es nicht.» Ihre Mutter sorgt sich nun: «Nehmen wir unserer Tochter etwas weg?»

Anton Bucher rät grundsätzlich von dogmatischen Sätzen wie «Gott gibt es nicht» ab. Besser sei die Aussage: «Ich persönlich glaube nicht, dass es ihn gibt.» Auf diese Weise werde seine Existenz offengelassen. Im Fall von Anke, Ralf und Malou würde Bucher das Gespräch mit der Tochter suchen. «Kinder sind keine leeren Gefässe, sondern vielmehr kleine Philosophen und Theologen. Fragen Sie ihr Kind, warum es meint, dass es Gott nicht gibt.» In erster Linie gehe es in der Erziehung darum, das Kind zu begreifen, so Bucher. Der Priester und Jugendseelsorger Romano Guardini habe dazu einmal geschrieben: «Wir haben erst dann das Recht ein Kind zu erziehen, wenn wir versucht haben, es zu verstehen.»

Janina Mogendorf für katholisch.de, erschienen am 1. Januar 2019

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Kindliche Spiritualität

Die kindliche Spiritualität zu fördern, wirkt sich laut Studien positiv auf die physische und seelische Gesundheit aus. Danach sind Menschen, die sich verbunden und in der Welt geborgen fühlen, gelassener, stressresistenter und belastbarer. Sie haben ein geringeres Risiko für Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Empirisch ist hinreichend erwiesen, dass sich spirituelle Kinder und Jugendliche wünschenswerter entwickeln, seltener in Sucht oder Depression geraten, sich wahrscheinlicher altruistisch-nächstenliebend verhalten.


Professor Anton A. Bucher

Schweizer Theologe, Pädagoge und Autor. Er lehrt Praktische Theologie an der Universität Salzburg und erforscht seit vielen Jahren die Psychologie von Spiritualität und Religiosität. In diesem Zusammenhang hat er sich auch mit kindlicher Spiritualität und spiritueller Erziehung befasst.

2017 erhielten Eltern in Römerswil beim dort traditionellen Taufbaumfest ein «Schatzchischtli». Die kleine Kartonbox ist wertvoller Wegbegleiter für Eltern und Kind und so wurde die Idee bereits auch in anderen Pfarreien umgesetzt. Inzwischen ist die Stiftung Brändi in Luzern für das Befüllen der «Schatzchischtli» zuständig.

Den Glauben leben in der Familie? Das geht, zum Beispiel, so: Vor dem Essen beten Eltern mit ihren Kindern: «Guter Gott, segne und stärke uns, damit wir Freundschaft teilen, hier an diesem Tisch und mit allen Menschen. Amen.» Oder: Am Morgen zeichnet der Vater seinem Sohn mit Weihwasser ein Kreuz auf die Stirn und schickt ihn mit den Worten auf den Schulweg: «Gott segne dich mit Freude an diesem Tag.» Am Abend wiederum setzt die Mutter sich zu ihrer Tochter ans Bett, geht mit ihr den Tag erinnernd durch und dankt gemeinsam Gott für das Schöne und Gute, das ihnen heute geschenkt wurde. An einem Nachmittag schliesslich erzählt die Grossmutter ihren Enkelkindern eine biblische Geschichte, etwa vom Zöllner Zachäus auf dem Baum. Dazu gibt es ein Zämesetzi und eine Zeichnung zum Ausmalen.

Begleitung auf dem Glaubensweg

Anregungen und Vorlagen für Gebete und Rituale wie diese gibt es im Schatzchischtli, das in der Pfarrei Römerswil Eltern, die ihr Kind taufen liessen, erstmals 2017 am Taufbaumfest erhielten. Zu diesem Fest lädt der Pfarreirat jeweils am Palmsonntag die Taufkinder des vergangenen Jahres und deren Familien ein.

Das Chischtli ist ein Behältnis aus Karton, klein wie eine Kinderfaust, und angelegt wie eine Kartei. Es gibt darin Kärtchen mit kurzen Texten zu den Themen Weihwasser, Tischrituale und -gebete, Abendrituale und -gebete sowie biblische Geschichten, Bilder zu einem möglichen Abendritual, zwei Puzzles und mehrere Ausmalbilder. Mit dem Namen des Taufkinds auf dem Deckel wird das Schatzchischtli zu einem persönlichen Wegbegleiter, das Eltern hilft, ihre Kinder auf dem Glaubensweg zu begleiten und den Kindern ihren Platz in der Pfarreigemeinschaft gibt.

Jedes «Schatzchischtli» trägt den Namen des getauften Kindes, das es erhält. | © 2019 Thomas Villiger

Die Idee zum Schatzchischtli hatte Religionspädagogin Rita Amrein-Stocker. Zusammen mit dem Pastoralassistenten gab sie es erstmals 2017 den Taufeltern ab. Mitglieder des Pfarreirats von Römerswil halfen bei dem Befüllen der Chischtli. Von allen Beteiligten war das eine grosse, freiwillig geleistete Arbeit. In Zusammenarbeit mit dem Pilotprojekt «Getauft – und jetzt?» von der Landeskirche (Verantwortlicher Thomas Villiger-Brun) entwickelte Rita Amrein-Stocker das Schatzchischtli weiter und so steht es nun zur Freude vieler fertig da.

Kirche unterstützt Arbeitsintegration

Künftig erhalten auch die Taufeltern der anderen drei Pfarreien im Pastoralraum das Schatzchischtli; es gibt dort jeweils ähnliche Bräuche wie das Taufbaumfest in Römerswil. Weil damit der Aufwand grösser geworden ist, hat die Stiftung Brändi in der Rösslimatt in Luzern das Befüllen übernommen. «Eine interessante Arbeit», sagt dort Mitarbeiter Theo, und für seine Kollegin Sandra sind die Schatzchischtli eine willkommene Abwechslung. Sandra ist im ersten Lehrjahr als Printmedien-Praktikerin EBA. Bei diesem Auftrag kann sie ihr ganzes Geschick einsetzen. Die katholische Kirche unterstützt damit die beruflliche Eingliederung von Menschen mit einer Behinderung.

Dominik Thali

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Kerzenschein erfüllt die Kirche Ruswil. Licht, das wärmt und leuchtet; sechs Uhr früh, es ist die erste Rorate-Feier in diesem Advent. Die Bänke sind leidlich gefüllt, bei der zweiten und dritten Feier dann, nächste und übernächste Woche, werden mehr und mehr Menschen in dem mächtigen Raum zusammenrücken. Je näher Weihnachten rückt, desto zahlreicher streben sie nach dem Licht, zeigt die Erfahrung. Die 1300 Kerzen hatte Sakristan Thomas Bucher schon am Vorabend aufgestellt. Die Lichter stehen auf Absätzen und Treppenstufen, auf den Altären und der Empore; sie bilden sternengleiche Muster Eine immense Arbeit. Eine halbe Stunde dauert das Anzünden im Team.

«Es kostet zwar Überwindung, so früh aufzustehen«, begrüsst Pastoralassistent Othmar Odermatt die Frauen, Männer und Kinder. «Aber gerade in dieser dunklen Zeit ist es wichtig, das Licht zu feiern. Menschen können selbst einander Licht sein. Darin wird Gott sichtbar.» Hörbar wird er in den leicht-lüpfigen Melodien der Geschwister Manuel, Eveline, Sonja und Florian Fuchs, die mit Akkordeon, Posaune, Klarinette und Kornett Seelenwärme in diesen Morgen zaubern. Ihre Mutter Beatrice Fuchs leitet sie an.

«Tauet, ihr Himmel, von oben»

Rorate-Feiern sind besondere Gottesdienste im Advent, die sehr früh und meist nur bei Kerzenlicht gefeiert werden.  Es gibt sie auch in vielen Luzerner Pfarreien. Rorate ist lateinisch und heisst «tauet». Es ist das erste Wort eines Verses aus dem Buch Jesaia, das den Adventsgedanken wiedergibt: «Tauet, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen!» Auch Advent ist ein lateinisches Wort; es heisst übersetzt Ankunft. «Für uns Christen bedeutet die Adventszeit die Zeit der Ankunft von Jesus Christus. Es ist die Zeit der Vorbereitung auf die Menschwerdung Gottes», erklärt Adrian Wicki, Pastoralassistent in Ruswil. Die Lesung an der heutigen ersten Rorate-Feier nimmt darauf Bezug: «Steh auf, werde Licht, denn es kommt dein Licht und die Herrlichkeit des Herrn geht strahlend auf über dir», heisst es beim Propheten Jesaia. Bei den Fürbitten singen alle gemeinsam: «Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt.»

Was damit gemeint ist, erzählt Katechetin Silvia Buob kindergerecht in der Geschichte von der alten Stall-Laterne, die der kleine Philipp ergattert und dem Samichlaus schenkt, dem sie fortan auf seinem Weg durch den dunklen Wald leuchtet. Die alte Laterne, beinahe weggeworfen, strahlt. Silvia Buob sagt: «Jeder Mensch hat viele Talente. Es kommt nicht darauf an, auf welches ich setze; wichtig ist, dass ich mich auf den Weg mache.»  Am zweiten und dritten Rorate-Morgen wird sie weiter erzählen, was die alte Stall-Laterne erlebt.

Mut zur Einfachheit haben

Nach der Rorate-Feier treffen sich Erwachsene und Kinder zum Zmorge im Pfarreiheim: Gelegenheit, sich zu treffen und zu stärken vor Arbeit und Schule. Dafür sorgt jeweils der Pfarreiheim-Hauswart zusammen mit Freiwilligen aus verschiedenen Gruppen. An diesem  Morgen sind auch Jugendliche aus dem WARU (Wahlangebote Religionsunterricht Oberstufe) engagiert.

Die Tische sind auch bei diesem zweiten Teil der Feier gut besetzt; die Verantwortlichen freuts. Was dazu beiträgt, gelte für alle Generationen, meinen die Verantwortlichen. «Die Kirche einmal nur von Kerzen erleuchtet zu sehen, das fasziniert aber besonders die Kinder», meint Silvia Buob. Hinzu komme die musikalische Begleitung, die jede Woche eine andere Gruppe aus der Musikschule besorge. Othmar Odermatt spricht vom «Mut zum ganz Einfachen». In Ruswil heisst das: Einfache Bibeltexte, deren «Übersetzung» in eine Geschichte, keine Schriftsprache, sondern Dialekt. Für Silvia Buob selbstverständlich: «Als Erwachsene habe ich ja auch nicht gern schwierige Texte.»

Dominik Thali

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Buchtipp

Reinhard Abeln: «Das grosse Kinderbuch zum Kirchenjahr – Heilige, Feste, Brauchtum, Rituale», St.Benno-Verlag Leipzig, ISBN 978-3-7462-4199-9, ca. CHF 12.

Wer ein Kind verliert, stürzt aus der Welt. Und stösst oft auf Menschen, die in Überforderung verletzend reagieren. Die «FrauenKirche Zentralschweiz» gibt am zweiten Dezembersonntag mit einer ökumenischen Gedenkfeier Betroffenen Gelegenheit, Trauer und Schmerz zu teilen. Eine Möglichkeit, dem Unsagbaren Raum und Sprache zu leihen.

Julia kam an einem Novembersamstag vor zwei Jahren zur Welt. Und verliess sie nach einer Stunde schon wieder. Einfach so. Nichts hatte darauf hingedeutet. «Das hat uns den Boden unter den Füssen weggezogen», sagt ihre Mutter Katarina Honauer. Julia war ihre erste Tochter.

Den Schmerz teilen

Katarina und ihr Ehemann André Honauer leben in Küssnacht. Zwei Wochen nach dem Ereignis nahmen die beiden in Luzern an der jährlichen Gedenkfeier für und mit Menschen teil, die ein Kind verloren haben – manche bei der Geburt, andere später durch eine Krankheit oder einen Unfall; mitunter sitzen Frauen und Männer in den Reihen, bei denen der Verlust Jahre zurückliegt, die aber nie darüber sprechen konnten und allein damit fertig werden mussten. In der Lukaskirche teilen sie ihren Schmerz mit anderen Müttern und Vätern, mit Patinnen und Paten, Geschwistern und Grosseltern. «Sammle meine Tränen» heisst die Gedenkfeier, die es seit 2005 auf Initiative der «FrauenKirche Zentralschweiz» gibt. Die Theologin Li Hangartner brachte die Idee damals aus Deutschland mit und wollte damit ein Thema ans Licht holen, «von dem man nur weiss, wenn man selber davon betroffen ist», wie sie bis heute feststellt. «Der normale Lauf ist doch: Jemand wird schwanger, das Kind kommt zur Welt und ist gesund. Der Tod hingegen ist ein Tabu.»

Hilflosigkeit und Überforderung prägen den Umgang damit. Katarina Honauer erinnert sich, wie jemand «mitfühlend und aufmunternd» gemeint habe, sie solle froh sein, dass Julia gleich nach der Geburt gestorben sei, später wäre der Verlust «viel schlimmer» gewesen.
Die Gedenkfeier «Sammle meine Tränen» will mit Texten, Ritualen und Musik den trauernden Menschen «eine Sprache leihen, wenn sie noch in der eigenen Sprachlosigkeit verharren», erklärt Li Hangartner. Unter anderem sind alle eingeladen, den Namen ihres verstorbenen Kindes in das «Buch des Lebens» einzutragen, dessen Seiten sich mit den Jahren füllen. Im zweiten Teil der Feier werden diese Namen vorgelesen, und für jedes Kind brennt am Ende eine Kerze.

Die Schwere auflösen

Schmerz und Trauer verdichten sich dabei. Das sei kaum auszuhalten, findet Katarina Honauer, der Gang zum Lebensbuch sei für sie «sehr drückend» gewesen. Die Hebamme Susanne Leu, welche die Gedenkfeier mitgestaltet, kann dies mitfühlen. «Aber die Tränen in der Gemeinschaft fliessen lassen zu können, vermag auch Schwere im Bauch aufzulösen. Man fühlt sich nach der Feier leichter», meint sie. Leu macht auch die Erfahrung, dass Eltern und Angehörige, die glauben, den Verlust eines Kindes «anders tragen können und getragen werden». Es komme nicht darauf an, woran man glaube, aber der Glaube könne «ein innerer Lebensmotor» sein, wenn jemand dadurch einen Tod deuten könne, für den es keine medizinische Erklärung gebe.

Die Tränen fliessen zu lassen hilft. Das erlebte auch Katarina Honauer so. Hilfreich waren für sie daneben vor allem der Austausch mit Frauen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Anderen, die bei der Begegnung mit Menschen, die ein Kind verloren haben, unsicher sind, empfiehlt sie, auf vermeintlich gut gemeinte Aussagen zu verzichten: «Mitgefühl zu äussern reicht völlig.»

Dominik Thali

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«Sammle meine Tränen» heisst die jährliche ökumenische Gedenkfeier in Luzern für Menschen, die um ein Kind trauern. Sie findet seit zehn Jahren jeweils am zweiten Sonntag im Dezember statt, am Weltgedenktag für alle verstorbenen Kinder.